Zur ostasiatischen Frage
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Zur ostasiatischen Frage
von Dr. zur. Kurt Ld. Imberg
och tagt in Paris die sogenannte Friedenskonferenz, die der Welt den langersehnten Frieden bringen sollte, und schon zeigen sich aus allen Seiten Risse und Spalten, die das „stolze Friedenswerk" über kurz oder lang wieder zu Fall zu bringen drohen. In Europa hat die Schaffung der kleinen Nationalitätenrepubliken aus dem Leichnam der einstmaligen Habsburgermonarchie, die Wiedererrichtung des polnischen Staates, der sich wie ein Keil zwischen die Glieder des Deutschen Reiches zur Ostsee drängt, neuen Konfliktsstoff in Europa angehäuft, der die Entzündbarkeit des europäischen Pulverfasses verdoppelt und verdreifacht. Im nahen Orient, in der Türkei und seinen ehemaligen asiatischen Gebieten, gährt es bcrcits wieder; unverständllcherweise — für die Ententestaaten — ist man dort mit der gutgemeinten Befreiung vom „Joch" des Kalifen in Stmnbul nicht ganz zufrieden; Griechen und Italiener zanken sich bereits über den Besitz von Smyrna und seines Hinterlandes, während mehr gen Osten die befreiten Armenier sich mit den rauflustigen Kurden herumschießen, genau wie früher, als diese Gebiete noch türkisch waren. Und im fernen Osten? Sieht es dort besser aus? Wohl kaum; denn auch dort hängt immer noch eine drohende Gewitterwolke am politischen Friedenshimmel: Japans Imperialismus und seine Forderungen, die in krassem Wideispruche stehen mit den Zielen und Wünschen, die die Entente und insbesondere die Vereinigten Staaten von Amerika im fernen Osten > zu verfolgen für gut befinden. Besonders letzteren geht die japanische Politik in Oftasien sehr gegen den Strich.
Vor über vier Jahren haben wir in den Grenzboten') ausführlich diesen Gegensatz zwischen der amerikanischen und der asiatischen Wellmacht behandelt und dargelegt, wie sehr die beiderseitigen Interessen gerade auf dem vstasiatischen Kontinente, im Reiche der Mitte, zusammenstoßen. Wie hat sich dieser Gegensatz nun im Laufe der letzten Kriegsjahre entwickelt; hat er sich gemildert oder noch verschärft? Die Nachrichten, die wir während des Krieges aus dem fernen Osten erhielten, waren ja nur kärglich und fast stets durch die englische oder amerikanische Brille gesehen. Aber soviel ließen sie immerhin durchblicken: die Entwicklung der Dinge im fernen Osten war wenig nach Geschmack der Entente und ihrer Verbündeten, der Vereinigten Slaaten. Bereits Anfang 1915 gaben die am 18. Januar von Japan an China überreichten Forderuugen Grund zu schwerer Besorgnis; denn in ihrer ursprünglichen Fassung bedeutete sie nichts anderes als die „Korecmisierung" Chinas. Wenn auch Japau diese Forderuugen — wahrscheinlich auf wiederholten Druck seines englischen Bundesgenossen hin — später etwas milderte und einschränkte und am 26 April 1915 eine neue Note an China sandte, die die Wünsche Japans in fünf Gruppen zusammenfaßte, so war doch materiell nur wenig geändert. Auch diese neuen Forderuugen bilden einen tiefen' Eingriff in die wirtschaftlichen und politischeu Verhältnisse des chinesischen Staates.^) Infolgedessen glaubten die Amerikaner sich Chinas annehmen zu müssen, nicht etwa Chinas wegcn — soweit geht, wie sich auch später zeigen wird, selbst der Edelmut der Amerikaner nicht —, sondern weil man das Prinzip der Offenen Tür bedroht sah, d. h. weil man in Washington fürchtete, der amerikanische Handel würde durch Japan über kurz oder lang gänzlich aus China
Vgl. die Grenzvoten 1915, Nr. 16, S. SS ff. 2) Vgl. hierzu: „l'lie Problem ok ^apsn" bz? an Lx - Lounsellor ok I^stion in tbe pgr Last. 1918, S. 252 ff., wo sich sowohl der Text der ursprünglichen Forderungen abgedruckt findet als auch die Fassung vom 26. Avril 1915.