Tatsachen und Wahrheiten
von Albert Haertlein, Bromberg
Den nachstehenden Aufsatz entnehmen wir den von den Vereinigton Deutschen Volksräten Posens und Westpreußens herausgegebenen „Deutschen Nachrichten". Die Unzahl von Mißverständnissen und das mangelnde Verständnis, mit dem die Volksratsbewegung seit Monaten zu kämpfen hat, finden in dem Aufsatz eine so treffende Beleuchtung, daß wir ihn den Lesern der Grenzboten glaubten nicht vorenthalten zu dürfen, trotz der Bedenken, die darin lagen, daß die Person des Herausgebers in dem Aufsatz stark in den Vordergrund tritt.
n seiner vor Jahrzehnten erschienenen „Geschichte der Deutschen in Amerika" hat Franz Löhr jene deutsche Eigenart geschildert, die solange an führenden deutschen Männern mäkelt, bis die große Sache, der im Grunde alle mit freudigem Herzen dienen wollen, dabei den schwersten Schaden erleidet oder gar zugrunde geht. Löhr hat damit die Wahrheit gesagt, doch nicht die ganze Wahrheit. Der Deutsche zerstört große Dinge, die ihm und seinem Volk eine Notwendigkeit bedeuten, durch seine naive Oberflächlichkeit in der Beurteilung von Personen und Sachen. Da seine politische Erziehung im engsten Parteirahmen stecken geblieben ist, heißt er alles gleich schlecht oder gut, wie es eben ihm von der Parteiseite eingeträufelt wurde. An die Stelle eines klaren, vernünftigen Urteils, das sich auf Beweise und Tatsachen stützen kann, tritt die kritiklos übernommene Parteimeinung, und wo allenfalls leise Zweifel und einige Überlegung auftauchen, da stellt ein Schlagwort zur rechten Zeit sich ein und schlägt den gesunden Menschenverstand tot. Und diese <schlagworte und verkehrten Urteile wälzen sich dann durch zahllose Reden und Leitartikel von Versammlung zu Versammlung, von Zeitung zu Zeitung, wie eine ewige Krankheit fort. Die Wahrheit, die doch so leicht zu erkennen wäre, wird in undurchdringlichen Nebel gehüllt, die Masse — gleichgültig, ob gebildet oder ungebildet — ist des Denkens überhoben, und die Tatsachen prüft nicht einer mehr. Das Ende aber ist unberechenbarer, nicht wieder gut zu machender Schaden für die Gesamtheit, für Volk und Vaterland. Durch seine Tüchtigkeit hat sich der deutsche Kaufmann den Weltmarkt erobert. SU Hause aber herrscht sträfliche Oberflächlichkeit in der Beurteilung des Wesens fremder Völker und Länder, die Gründlichkeit des deutschen Gelehrten schuf ein wahres Arsenal von Mitteln zur Kenntnis dos Auslandes, die breite Masse und die politischen Führer folgten dem leichtfertigsten Schlagwort. So spukte, um nur ein Beispiel anzuführen, Argentinien in den Köpfen der Masse als „exotisches Land der Revolution", während es in Wirklichkeit eine Handelsgroßmacht ersten
Grenzboten III 1919 IS