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Volksdichtung und Sprichwort auf Lapri
Volksdichtung und Sprichwort auf (Lapri
Nach mündlichen Mitteilungen erstmalig aufgezeichnet und veröffentlicht von Prof. Dr. Heinrich Zschalig
m die 1910 begonnene Aufzeichnung Caprestscher Volksdichtungen möglichst zu vervollständigen, verweilte ich vor dem Kriege abermals drei Monate auf der Insel. Namentlich Sagen, Märchen. Schwänke, Redensarten und Sprichwörter kamen in bunter Fülle zu meiner ersten Sammlung hinzu. Vor allem dürften die Märchen, Legenden und Sagen unsere Aufmerksamkeit aus sich lenken. Auf die wichtigen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den entsprechenden deutschen Dichtungen wurde schon in meinen früheren Ausführungen hingewiesen i).
Eins der anmutigsten Beispiele, das zeigt, wie die anders geartete „Seele der Landschaft" und die Phantasie der damit verwachsenen Menschen andere Vorstellungen und Erscheinungen zeitigt oder die gleichen Gestalten mit eigenartigen Zügen auszeichnet, bietet das umfängliche Märchen vom „Gestiefelten Kater", der uns in Capri wohl als ein hervorragend schlauer Vertreter seiues Geschlechts entgegentritt, der jedoch ebensowenig gestiefelt als mit dem philosophischen Hiddigeigei Scheffels verwandt oder verschwägert zu sein scheint.
Ein anderes erzählt — ähnlich wie im deutschen Märchen der Brüder Grimm, wo einer auszieht, das „Gruseln" zu lernen —, wie einer in die Welt hinausgeht, um zu erfahren, was Furcht ist. Die Erlebnisse beider zeigen offenbare Verwandtschaft, nur daß in der italienischen Lesart ein starker Einschlag aus der antiken Sage und Mythe hervortritt. Es möge hier folgen:
Der kleine Franziskus (italienisch ^l'ÄNLesLkl'ello) ist ein halbwüchsiger Bursche, der es nicht begreift, wenn die Leute immer von Furcht reden. Es verdrießt ihn, beständig sagen zu hören: „Ich wage nicht — ich fürchte —, mir ist angst!" Endlich läßt es ihm keine Ruhe, er muß wissen, was dies,: Furcht ist. Er zieht hinaus in die Welt, um sie kennen zu lernen.
Nach einer langen Wanderung hält er eines Abends ermüdet Einkehr in einem großen schönen Gebäude, das offen steht. Im ganzen Hause kein Mensch. In der Mitte der großen Stube nur ein sehr hoher Tisch. Selbst auf den Zehen stehend, reicht der Kleine nicht mit der Nase hinauf. An der Wand sind drei Stühle, deren Sitze soweit oben befestigt sind, daß er nur mühsam hinaufzuklettern vermag.
Da treten roh lachend drei Riesen herein, die auf der Lauer gelegen hatten. — „Ei Brüder, dieses Bürschchen ist ein feiner Bisfen zum Abend- fchmaus," sagte der eine. „He, Kleiner," fuhr er fort, „wer hat dir erlaubt, unser Haus zu betreten und dich auf meinen Stuhl zu setzen? Wie kamst du hinauf? Komm herunter! Der Sitz ist für dich doch zu unbequem." — „Nicht doch, meine Herren," antwortete jener ruhig, „der Sitz ist schön breit. Da fällt man nicht runter und kann gleich drauf schlafen." — „Hast, du denn gar keine Furcht vor uus?"
„Wie sollte ich denn Furcht haben, ich habe sie ja noch niemals gesehen-- Wohnt sie vielleicht hier im Hause? Das wäre ja sein!"
i) Vgl. die Beiträge in Heft 49 und 60 der Grenzvoten, Jahrg. 1911.