Zur Frage unserer künftigen Außenpolitik
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Zur Frage unserer künftigen Außenpolitik
von Dr. Aarl Keller
icht die Fäulnis unserer inneren Zustände, sondern die schweren Fehler unserer Außenpolitik haben zum Zusammenbruch unseres Staatswesens geführt. Zweifellos bedurften unsere Verfassung und Verwaltung einer Reform im demokratischen Sinne, aber so groß waren die Schäden im Innern nicht, daß ohne einen übermächtigen Druck von außen eine solche Katastrophe eingetreten wäre. Unsere Revolution und unsere Niederlage sind ein Schulbeispiel dafür, wie sehr die äußere Politik die innere an Wichtigkeit übertrifft. Um so notwendiger ist es, daß wir jene in Zukunft richtig orientieren. Sowohl die Regierung als auch eine Reihe großer Parteien haben bereits Programme hierfür aufgestellt. Es dürfte sich daher empfehlen, auch an dieser Stelle zn den Fragen unserer künftigen Außenpolitik Stellung zu nehmen.
Bei der Kritik der Darlegungen unseres neuen Außenministers muß man natürlich berücksichtigen, daß der verantwortliche Leiter der deutschen Politik nicht die Redefreiheit hat wie ein nichtverantwortlicher Parteiführer oder gar ein beliebiger Tagesschriftsteller.
Welche Ziele muß sich unsere künftige Außenpolitik setzen? In erster Linie steht die Wiedervereinigung sämtlicher uns durch den Friedensvertrag entrissenen Gebiete deutscher Zunge mit dem Reiche einschließlich derjenigen gemischtsprachlichen Landesteile, die hauptsächlich deutscher Arbeit ihre gegenwärtige Kultur verdanken, ferner der Zusammenschluß mit Deutsch-Österreich. „Das ganze Deutschland soll es seinl" Das ist ein Programm, auf das sich sämtliche Parteien von den Deutschnationalen bis zur unabhängigen Sozialdemokratie einigen können. Hinsichtlich Elsaß-Lothringens müssen wir zum mindesten eine freie unbeeinflußte Volksabstimmung fordern. Diese darf aber natürlich erst dann stattfinden, wenn alle Spuren der französischen Unterdrückungspolitik beseitigt sind und das Land wie das Saargebiet fünfzehn Jahre einer autonomen Verwaltung unter dem Schutze des Völkerbundes unterstellt worden ist. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß sich nach Ablauf dieser Zeit die Elsässer keineswegs für den Anschluß an Frankreich, sondern vielleicht für einen neutralen Pufferstatt nach dem Muster der Schweiz entscheiden würden. Die Forderung mancher Politiker, wir sollten einem guten Einvernehmen mit Frankreich zuliebe die französische Vergewaltigung Elsaß- Lothringens ruhig hinnehmen, ist nmsomehr zurückzuweisen, als die französischen Bestrebungen zur Annexion des Saarbezirks und zur Losreißung des linksrheinischen Gebietes von Deutschland ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich auf absehbare Zeit vollständig ausschließen, die Anerkennung der französischen Herrschaft über Elsaß-Lothringen also vollkommen nutzlos wäre.
In dem Friedensvertrage ist bekanntlich in Oberschlesien, Mnsuren und Schleswig eine Volksabstimmung vorgesehen. Diese wird in Nordschleswig mit Sicherheit, in den übrigen Bezirken möglicherweise zu weiteren Gebietsverlusten führen. Da die Vorschriften über diese Abstimmung aber so einseitig zu ungunsten der Deutschen gefaßt sind, daß von einer freien, unbeeinflußten Äußerung des Volkswillens nicht gesprochen werden kann, so ist es selbstverständlich, daß Deutschland das Ergebnis dieser Abstimmung, soweit es ungünstig für uns ausfallen sollte, als xndgültig nicht anerkennen kann. Dasselbe gilt für das Saargebiet, daß erst fünfzehn Jahre französischer Gewaltpolitik über sich ergehen lassen soll, bevor die Abstimmung stattfindet.
Wenn der Außenminister davon spricht, daß wir die Revision des Friedensvertrages erstreben würden, so denkt er dabei wohl in erster Linie an die territorialen Bestimmungen, wenn er sie auch nicht ausdrücklich erwähnt. Dagegen gibt er erfreulicherweise seiner Hoffnung auf einen Zusammenschluß mit Deutsch-