Seien wir eine Nation!
von Dr. Karl Buchheim
urch die Enthüllungen der Reichsminister Erzberger und Bauer ist vor allem auch der Streit um die Persönlichkeit Ludendorffs wieder angefacht. Soviel darf man heute feststellen, daß dieser General in den verhängnisvollen Schicksalsjahren des Deutschen Reiches eine politische Bedeutung gehabt hat, die im Guten oder im Bösen doch jedenfalls ausschlaggebend genannt werden darf. Schon diese Tatsache beweist, daß in der politischen Leitung des Reiches, wie in der politischen Erziehung des Volkes etwas nicht in Ordnung gewesen sein musz. Denn rein an sich kann es im modernen Staate nie der Beruf einer Heeresleitung sein, zugleich die Politik zu bestimmen. Die sogenannten Alldeutschen, die im übrigen jetzt vielfach mehr als nötig schlecht gemacht werden, haben durch nichts mehr bewiesen, wie schlechte Schüler Bismarcks sie sind, als dadurch, daß sie die ihnen zugänglichen Vvlksteile dahin erzogen, daß Ludendorff den Frieden machen müsse. Trotz ihrer so laut verkündeten Bismarckverehrung beachteten sie nicht, sür wie verhängnisvoll der erste Kanzler immer den Einfluß politisierender Generale gehalien hat. Gelesen mögen ja viele Deutsche die „Gedanken und Erinnerungen" haben; politisch erziehen lassen aber haben sich dadurch leider offenbar allzu wenige. Verständlich wird die Zuflucht zur politischen Weisheit des militärischen Führers allerdings durch die Tcusache, daß die politische Unerzogenheit des Volkes bis in die Kreise der berufenen Linker unseres Staates hinaufging. Dort war kein Politischer Führer, der den Pendelschlag der Weltuhr richtig zu hören verstanden und schöpferisch zu gestalten gewußt hätte, was die Ereignisse uns an politischen Möglichkeiten boten. Die Schuld, die die deutsche kaiserliche Regierung an diesem Kriege und vor allem an seinem Ausgang tatsächlich hat, beruht darin, daß sie überhaupt niemals ein großes politisches Programm von säkularer Bedeutung hatte. Frankreich handelte politisch um seiner Revanche willen, Rußland im Sinne der pcmslawisüschen Idee, England für den Ausbau seines Empire. Aber Deutschland? Unsere Politik verstand niemand, daher erregte sie bei allen Mißtrauen. Karl Hoffmann, den die Leser der Grenzboten durch manchen trefflichen Aufsatz kennen, sagt in einem leider zu spät erschienenen Buche, auf das ich nachher noch näher eingehen muß, mit recht, ein Volk werde erst dadurch zu einer Nation, daß es an seinen Beruf zur Lösung einer bestimmten großen politischen Aufgabe glaubt. Einen solchen Glauben hat das deutsche Volk nicht gehabt. Dazu waren Wir alle miteinander, die Führer wie die breiten Massen, politisch viel zu denk- und tatenfaul, zu schlecht erzogen. Wir führten Bismarcks Namen im Munde, aber wir wollten keineswegs wie er politische Taten tun. Dazu waren wir zu
Grenzboten III 1919 13