Siegersorgen
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Siegersorgen
enn die Menschen gewohnt wären, Gedanken zn Ende zu denken und psychologischen Erwägungen denselben Raum zuzugestehen wie wirtschaftlichen, hätte man das gewaltige und für den gesamten Kulturbestand des Abendlandes bedrohliche Anwachsen der Arbeiterbewegung nach einem langen Kriege in allen Ländern mit allgemeiner Wehrpflicht voraussagen können. Der Arbeiter argumentiert jetzt, weniger theoretisch aber unbewußt-gefühlsmäßig, so: Im Schützengraben bestand vor dem Tod absolute Gleichheit, der Tod sah uicht auf die Unterschiede von reich und arm, vornehm und gering, gebildet und ungebildet, fleißig und träge, klug und dumm. Da wir in dieser Gleichheit so lange wider Willen haben ausharren müssen, so soll sie jetzt, da sie uns Vorteil bringt, auch festgehalten werden, umsomehr, da die Schwierigkeiten des Wiederaufbaus und der Nachkriegswirtschaft täglich aufs eindringlichste beweisen, daß die Arbeit des Proletariers für das Weiterleben der Nation ganz die gleiche Wichtigkeit hat, wie die Arbeit des Premierministers (die darum auch nicht besser bezahlt zu werden braucht). Da der Krieg nur mit unserer Hilfe gewonnen worden, eine Wiederherstellung des Friedenszustandes nur mit unserer Hilfe möglich ist, so wollen wir alles, was einzelne, die wir für Privilegierte halten, tun, auch tun können, selbst wenn es uns eigentlich gar keinen Spaß macht. Hinzu kommen die allgemeine Arbeitsunlust und die Teurung, die sich in allen Ländern bemerkbar macht.
Die Schwierigkeiten werden täglich überall größer. Wohin diese Bewegung, die man mit logischen oder wirtschaftlichen Vernunfigründen vergeblich bekämpfen wird (die Leidenschaft Neid ist stärker als der schwache Verstand des Durchschnittsmenschen) noch gehen wird, ist vorläufig schwer abzusehen; da infolge der Kriegs- not die Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse überall dringlicher geworden ist als ideelle Zukunftssorgen — es ist eben keine Frage, daß der Krieg etwas Kulturwidriges sei — und die Menschheit (wie der Krieg ja zum Teil gezeigt hat) auf eine Reihe von Jahren wohl ohne Kunst, Wissenschaft, Erziehung, Hygiene, aber nicht ohne Nahrung. Kleidung und Kohlen bestehen kann, so ist nicht zu erkennen, aus welchem Material man den Damm gegen die stets noch steigende Flut der zum Teil ganz sinnlosen, sich selbst betrügenden Begehrlichkeit des vierten Standes eigentlich bauen will, und da gewisse Erfahrungen, um wirksam zu werden, selbst durchgemacht werden müssen, ist es recht wohl möglich, daß nicht eher wieder eine geordnete Entwicklung möglich sein wird, als bis die Bewegung infolge ihrer inneren Unlogik sich auf der ganzen Welt selbst aä absuräum geführt hat, wie das jetzt in Rußland der Fall zu sein scheint.
Nicht minder schwer als Deutschland leidet unter dieser Entwicklung der Sieger England. Bereits 1912 wiesen deutsche Politiker darauf hin, daß die englischen Gewerkschaften viel zu mächtig geworden wären, als daß man einen Krieg ohne weiteres vom Zaune brechen könne, heute kann man tagtäglich in englischen Zeitungen lesen, und nicht bloß in liberalen, daß England ohne den guten Willen seiner Arbeiter verloren sei. Es ist bezeichnend für die Verschiebung der Machtverhältnisse, daß die Arbeiter das bereits vor dem Kriege stark abnehmende Vertrauen in ihre parlamentarische Vertretung zu großen Teilen gänzlich verloren haben und sich in Sachen der Intervention in Rußland für „äirect ALtion", eine Vergewaltigung der Regierung durch Streikdrohung aussprechen, womit tatsächlich wieder das alte S'.ändeprinzip in den StaatsorganismuS eingeführt wird, nur daß nicht Adel und Geistlichkeit, sondern der Arbeiter der Herr des Staates wird. Dies spricht sich auch in dem Umstände aus, daß man bereits während des Krieges in England daran gegangen ist, neben den beiden Häusern des Parlaments ein drittes Haus, den National Jndustrial Council, ein Spezial- Parlament für Arbeit mit 400 Delegierten, zu schaffen, das dem Parlament Vorschläge machen und die Regierung beraten sollte, und nicht minder bezeichnend ist es, daß eine Kommission des Reichsamts für Wiederaufbau, das sogenannte
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