Contribution 
Die Zustände in Kiew nach dem Abrücken der deutschen Truppen
Page
136
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

136

Die Zustände in Kiew nach dem Abrücken der deutschen Truppen

Die Zustände in Aiew nach dem Abrücken der deutschen Truppen

von stucl. pnil. Hans Große

n Nr. 27 dieser Zeitschrift sind die Umwälzung in der Ukraine Ende 1918 und der Abtransport des deutschen Besatzungsheeres geschildert worden. Es dürfte interessieren, auch über die späteren Zustände in Kiew Näheres zu erfahren; die Kenntnis hiervon ist uns durch deutsche Heeresangehörige vermittelt worden, die infolge von Krankheiten zu einem weiteren Aufenthalt in der Ukraine verurleilt waren und inzwischen glücklich nach der Heimat zurückgekehrt sind. Nachdem am 14. Dezember 1918 der Hetman seine zeitweilige Residenz zu verlassen gezwungen und Petljura mit seinen Truppen in Kiew eingezogen war, hatte letzterer fast ohne Blutvergießen die Ruhe und Ordnung in der Stadt wiederhergestellt. Kiew war auf sich selbst angewiesen gewesen, und die Festung hätte sich im Falle einer längeren Belagerung aus Mangel an Lebensrnitteln auf Gnade oder Ungnade ergeben müssen: so hatte man auf jede ernsthafte Verteidigung verzichtet.' Die Einwohnerschaft erfreute sich wieder eines geregelten Lebens, während zur Zeit des Umsturzes die Stadt von jeder Lebensmittelzufuhr völlig abgeschnitten und der Preis der noch vorhandenen Waren daher ins ungeheure gestiegen war. Die Lebcnsbedingungen wurden nun also wieder besser, die Preise sanken schnell, wenn sie auch den noch im Herbst 1918 gültig gewesenen nicht annähernd gleichkamen.

Daß sich aber auch diese Regierung nicht lange halten konnte, war schon vorauszusehen; denn die Truppen Petljuras waren nicht etwa alle wohlgeordnet und diszipliniert. bei weitem nickt! Tausende hatten sich vor den Toren Kiews den regulären Truppen angeschlossen, indem sie sich wohl auch als Anhänger Petljuras bezeichneten, in der Tat aber fast durchweg bolschewistische Elemente waren, die die moralische Eigenschaft der Truppe und in natürlicher Folge auch ihre Kampfkraft wesentlich herabsetzten.

Inzwischen verstärkte sich der Druck, den die Bolschewisten von allen Richtungen, besonders aber vom Westen und «süden her, auf die Stadt aus­übten, von Tag zu Tag: Petljura konnte auf die Dauer keinen Widerstand leisten, und so kam es, daß schon am 28. Januar, also gerade nach einer vierzigtägigen Herrschaft, Petljura, d. h. also das ukrainische Direktorium, seine Residenz wieber verlassen mußte. Wenn auch seine Truppen noch alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel aufboten, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten, und einen Transport nach dem anderen, sowohl Infanterie als auch Artillerie, auf der breiten Heerstraße nach Swiatockin dem Feinde entgegenwarfen, konnten st? der Übermacht der Bolschewisten doch nicht widerstehen und zogen sich alsbald in die Stadt und darüber hinaus nach Norden und Osten zurück, um eine an Kirchen und Heiligtümern so reiche Stadt wie Kiew nicht durch eine schwere Belagerung und Beschießung dem Untergange zu weihen.

Am 5. Februar 1919 hielt die neue Regierung ihren Einzug, wenn man hier von einer Negierung überhaupt noch sprechen darf. Was die Einwohner von dieser Gewalt- und Schreckensherrschaft zu erwarten hatten, war ihnen wohl­bewußt; kannten sie doch diese Elemente schon von ihrem ersten Auftreten her zu der Zeit gerade vor einem Jahr. Besonders mag hervorgehoben werden, daß sich unter diesen russischen Bolschewisten viele deutsche und österreichische Spartakisten befanden meistens Juden geführt von einem lettischen WeibI

Nickt viele Kiewer Einwohner wußten, daß eine Anzahl deutscher Krieger, etwa 75 Mann, infolge Erkrankung an dem gerade damals furchtbar wütenden Fleckfieber oder an Gelenkrheumaiismus oder infolge Verwundungen transport­unfähig waren und, verlassen von ihren Kameraden, sich in Kiew ihrem weiteren Schicksal überlassen sahen. Mitte Januar rückte die deutsche Feldpoststativn 664 aus Kiew ab, Ende Januar mögen wohl die letzten deutschen Truppenverbände