Beitrag 
Die Politik der Deutschen Volkspartei
Seite
128
Einzelbild herunterladen
 

128

Die Politik der Deutschen Volkspartei

Die Politik der Deutschen Volkspartei

von Dr. Karl Buchheim

Ws ist noch nicht viel mehr denn ein halbes Jahr vergangen, seit im Dezember 1918 von solchen Nationalliberalen, die sich aus W guten Gründen nicht der Demokratischen Partei anschließen mochten, >M die Deutsche Volkspartei gegründet wurde. Fast war es schon zu Wspät: die durch die Revolution erschütterten Parteiverhültnisse U begannen schon eine neue feste Ordnung anzunehmen, die Wahlen zur Nationalversammlung standen vor der Tür. Es gelang der Deutschen Volks­partei auch nur eine kleine Fraktion von etwa zwanzig Köpfen in das Weimarer Parlament zu bringen. Aber in Anbetracht der Umstände war es doch ein schöner Erfolg, denn die Organisation der Partei erstreckte sich noch bei weitem nicht über das ganze Reich, man hatte in vielen Wahlkreisen gar keine Kandidaten aufstellen können. Nur wo die alte nationalliberale Organisation nicht zu den Demokraten übergegangen war, konnten Wahlsiege errungen werden. Umsomehr galt es nach den Wahlen, die Deutsche Volkspartei im ganzen Reiche auf eigene Füße zu stellen, auf breitester Grundlage aus allen Schichten der Bevölkerung neue, früher nicht nationalliberale Wählermassen zu organisieren und wirklich die Volkspartei des deutschen Gedankens zu werden, die berufen wäre, die klaren politischen Köpfe und die reinen patriotischen Herzen zu sammeln, die erkennen und fühlen, daß weder in Wilsons Völkerbund noch in der zwecklosen Sehnsucht nach vergangener und keineswegs fleckenloser Herrlichkeit das Heil unseres Volkes liegen kann.

Inzwischen können wir ein halbes Jahr Politik der Deutschen Volkspartei überschauen und können beurteilen, ob die Partei auf dem Wege zu solchen Zielen ist. Ich fürchte, es ist nicht der Fall. Zum ersten hat die Deutsche Volkspartei bis jetzt nichts getan, um den Leuten aus dem Volke, den nicht parteipolitisch und historisch 'geschultem, überhaupt ihre Existenzberechtigung nach­zuweisen. Die bisherige Politik der Volkspartei geht fast völlig Hand in Hand mit der der Deutschnationalen. Wie will man werbend im Volke auftreten, wenn es selbst dem, der viele Zeitungen liest und die Verhandlungen der Par­lamente regelmäßig verfolgt, schwer fällt, die Politik der beiden Parteien aus­einanderzuhalten I Was will man sagen, wenn ein Mann aus dem Volke oder gar erst eine Frau oder ein Mädchen fragt: warum seid ihr eigentlich nicht deutsch­national? Will da man mit einer Erörterung kommen des Inhalts, daß die Deutsch- nationalen von den verschiedenen konservativen Gruppen abstammen, die es früher gegeben habe, während die Volkspartei eigentlich liberal sei, also verwandter Herkunft, wie die Demokraten, die man aber bekämpfen müsse, weil sie nicht national genug seien usw. ? Dann wundere man sich aber nicht, wenn man mit derartigen Ausführungen keinen Hund hinter dem Ofen hervvrlockt! Das Volk fragt die Parteien einfach: was wollt ihr? Eine Partei, die unter heutigen Verhältnissen im wesentlichen dasselbe will, wie die Deutschnationalen, die sich aber doch von ihnen unterscheiden will, die wird das Volk niemals verstehen. Es kommt noch hinzu, daß da, wo die Politik der Volkspartei einmal von der der Deutschnationalen ein wenig abweicht, es öfters in einer Richtung geschieht, die nicht geeignet ist, die Volkspartei im besseren Lichte erscheinen zu lassen. Gerade auf dem für eineVolkspartei" so wichtigen sozialpolitischen Gebiete z. B. zeigen die Deutschnationalen, die die christlichsozialen Arbeitersekretäre in ihren Reihen haben, mehr Verständnis und Geschick als die Voltsportei. In manchen Gebieten Deutschlands galten früher die Nationalliberalen als Schutziruppe der Groß­industrie. Das ist ein Ruf, den die Volkspartei nicht übernehmen darf!

Wie die Dinge liegen, macht die Volkspartei heute im wesentlichen deutsch­nationale Politik. 'Es wäre also das richtigste, sich einfach mit den Deutsch­nationalen zusammenzuschließen, vielleicht unter Aufrechterhaltung der alten national-