Das Schicksal des Aaisers
von Dr. Aarl L^offmann
ach den letzten Kundgebungen des englischen Ministerpräsidenten vor dem Parlamente des Vereinigten Königreichs ist damit zu rechnen, daß der gegnerische Verband tatsächlich auf der Auslieferung und Aburteilung des deutschen Kaisers und unserer Heerführer und Offiziere besteht. Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Maßnahme, die nach den Gebräuchen gesitteter und anständiger Politik weiter nichts als Unfug ist, irgendeinen politischen Sinn haben muß. Denn der Sinn, den man vortäuscht, die vom „Gewissen der Welt" geforderte abschreckende »Strafe" für angebliche Völkerrechtsvergehen und den Bruch der belgischen Neutralität, erscheint so überaus läppisch, daß nur offenbare Dummheit oder eine geistige Struktur von Taschendieben daran glauben könnte. Bis zu welchem Grade von Verlogenheit sich diese vorgetäuschte Beurteilung der echten politischen Lage versteigt, mag ein geschichtliches Beispiel zeigen.
Man hat den Ausgang des Krieges oft mit „antiker" Größe an Grausamkeit und Gewalt, man hat ihn insbesondere sehr oft mit den punischen Kriegen verglichen. Die punischen Kriege waren als Geschichtsereignis ein Ganzes; und wenn der Vergleich mit ihrem Ende zutreffend sein soll, so muß auch ein Vergleich Mit ihrem Anfang zutreffen. Nun liegt der breite und klaffende Unterschied Zwischen der inneren Entstehungsursache, dem in Wahrheit ausschlaggebenden Grunde eines unauflösbaren Widerstreits zweier Machterscheinungen und dem bloßen äußeren Anlaß für den Ausbruch der Kämpfe fast nirgends mit einer solchen Deutlichkeit vor, wie beim Beginn des ersten punischen Krieges. Dieser Krieg mußte kommen, nachdem die römische Macht sich durch das Ergebnis des tarentinischen Krieges und der Kämpfe gegen Pyrrhus über das ganze Land- gebiet der appeninischen Halbinsel bis nordwärts zu den südlichen Gebirgsgrenzen der cisalpinisch-gallischen Po-Ebene ausgedehnt hatte und infolge der damit verbundenen Obergewalt über die seefahrenden griechischen Kolonialstüdte im bilden Italiens und überhaupt infolge der langausgedehnten italischen Küste gezwungen worden war und sogar Wider ihren Willen gezwungen worden wäre, selber seepolitisch zu werden und zunächst in das tyrrhenische Meer hinauszusteigen, um sich dort, zwischen der Westküste Italiens und den Inseln Sizilien, Sardinien und Corsica, freie Bewegung zu verschaffen. Demnach wurde dieser Krieg unausbleiblich, weil auf der anderen Seite der Jahrhunderte alte Großstaat Karthago, w seinem Wesen ein Handels- und Seestaat, dessen Dasein mit seinem vollen notwendigen Schwergewicht aus einer einwandfreien und ungehemmten Geltung
Grenzboten III 1919 11