Ostmark, Regierung und Volksratsbewegung
us der rechten Seite scheint man die Empfindung zu haben, als habe der Osten „enttäuscht", auf der linken dagegen möchte man mit Genugtuung konstatieren, daß die Politik der ostmärkischen Volksratsbewegung Schiffbruch gelitten habe. Wir Deutsche — aus diesen Sammelnamen machen wir jetzt nur in ethnographischer Hinsicht Anspruch — können nun einmal die Angelegenheiten unseres Vaterlandes nicht anders als vom Parteistandpunkt beurteilen; dies galt und gilt auch für das Verhalten der öffentlichen Meinung zu den Dingen, die sich in der Ostmark abgespielt haben. Ebensowenig wie das Deutschtum noch eine politische Einheit darstellt, ebensowenig gibt es eine öffentliche Meinung des deutschen Volkes, sondern man muß sich daran gewöhnen, sich für eine der öffentlichen Parteimeinungen als die maßgeblichste zu entscheiden. Die mehrheits- sozialdemokratische Partei und das Zentrum, die beide die Stützen der Regierung bilden, erheben den Anspruch, ihren Parteistandpunkt als öffentliche Meinung gcwertet zu sehen, die rechtsstehenden Parteien treten hierzu in Opposition; man setze sich abwechselnd eine der beiden Parteibrillen auf und — unter Verzicht auf die Denkmittel des gesunden Menschenverstandes — betrachte den Zusammenbruch der Ostmark, Man erhält dann die beiden im Eingangssatze geschilderten Eindrücke. Die Nutzanwendung, die sich aus einer derartigen Betrachtung der Dinge ergibt, schafft Wasser auf die Parteimühle; für das Interesse der Allgemeinheit wäre sie belanglos. Das ist das wirklich Betrübende an dein Zusammenbruch im Osten.
Es handelt sich eben um einen Zusammenbruch, die Frage ist nur die, was darunter verstanden werden muß. So wie das Problem hier angeschnitten worden ist, wird dem Beurteiler sich auch die Antwort aufdrängen, daß ein Zusammenbruch der Parteipolitik gemeint ist. Wer darin die Antwort sucht, befindet sich aus dem richtigen Wege.
Als der Novemberumsturz erfolgte und das Lebensschicksal des deutschen Volkes — für die llbergangswochen bis zur Bildung einer einigermaßen festen neuen Staatsautorität — parteipolitischen und doktrinären Experementierkünsten Überantwortet wurde, stürzte auch das solide, seit den Tagen des großen Friedrich begründete Staatsgefüge in der Ostmark zusammen, und das kostbare Gut, das wir als unveräußerlich von unseren Vätern ererbt hatten, sollte herrenlos auf der Straße liegen bleiben, sollte dem Zugriff eines jeden offen stehen, der es besser zu würdigen wußte, als wir. Auch wir Deutsche in der Ostmark wollten umlernen, wir wollten aber nicht bloß verzichten, wie die neuen Regierungsmänner von dem Schlage des Herrn von Gerlach predigten, wir wollten behalten, was uns zustand, und uns in dem mit den Polen teilen, woran sie ein Mitrecht
Grenzboten III 1919 7