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Das Gymnasium und die neue Zeit
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Das Gymnasium und die neue Zeit

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Das Gymnasium und die neue Zeit

von Dberstudienrat Dr. Vtto Stange

! o ein Haus zusammengebrochen ist, müssen sich alle zum Rettungs­werke die Hände reichen. Da darf sich niemand um eigenen Vorteils willen vordrängen; es darf aber auch keiner, der etwas zu leisten imstande ist, von den anderen zurückgedrängt werden.

Für die geistig gerichtete Veranlagung des deutschen Volkes lwar es ein schönes Zeugnis, daß sich schon während des Krieges vor allem die deutsche Schule bereit zeigte, sich mit allen ihren Einrichtungen auf die neuen Zustände, wie man sie nach dem Kriege glaubte erwarten zu dürfen, einzustellen. Man weiß, wie eifrig während der letzten Kriegsjahre über die Neugestaltung des Schulwesens gesprochen und geschrieben worden ist. Damals schoß wohl mancher Trieb etwas geil in die Höhe. Nach dem großen Zusammen­bruch ist es dann zwar nicht stiller, aber doch etwas ruhiger, gemäßigter geworden, und je mehr wir uns jetzt dem Zeitpunkte einer gesetzlichen Neuregelung unseres Schulwesens nähern, um so sorgfältiger wird das Unwesentliche beiseite gelassen, um so nachdrücklicher aber auch die Berücksichtigung dessen verlangt, was dem Volke wirklich not tut.

Unser Erziehungswesen war bis zum Kriege in erster Linie materialistisch, während des Krieges realistisch orientiert, und es stand zu erwarten, daß es nach dem Kriege stark in Versuchung kommen würde, sich dem Militarismus zu ver­schreiben, alles in der redlichen Absicht, dadurch zum Ersatze verloren gegangener Werte sein Bestes beizutragen. Hätte es dann die Gesetzgebung auf sich genommen, der Schule auf diesem Wege zu solgen, so hätte ihr zwar um den Beifall der Vielzuvielen nicht bange zu sein brauchen; aber aus den wahren Dank des Vater­landes hätte sie sich wenig Hoffnung machen dürfen. Denn daß das eigentliche Ziel unseres gesamten, besonders aber des höheren Bildungswesens nicht auf diesem Wege zu erreichen ist, kann seit den Tagen Wilhelm von Humboldts keinem rechten Deutschen mehr zweifelhaft sein.

Als es nun aber nach dem Kriege so ganz anders kam, als der weitaus größte Teil des Volkes erwartet hatte, mußte auch die Schulpolitik auf neue Wege bedacht sein. Bei der Volksschule, die bis dahin ihr Pulver trocken geHallen hatte, setzte mit einem Schlage der rücksichtslose Vorstoß für die Einheitsschule ei::. Man wird abwarten müssen, wie weit sie ihr zuversichtlich begonnener Siegeslauf vorwärtsbringen wird. Mit der Einführung der Einheitsschule sollte aber auch die höhere Schule auf völlig neue Bahnen verwiesen werden: Be­schränkung ihres Lehrgangs auf sechs, vielleicht gar nur auf vier Jahre, Ver­stärkung der realen Fächer, Verminderung der historischen, vor allem aber Ein­schränkung des altsprachlichen Unterrichts und alles dessen,wofür die Zeit im künftigen Deutschland zu kostbar sein würde" das waren etwa die Losungs­worte, unter denen sich die beutelustigen Gegner des Gymnasiums zusammenfanden.

Der Schlag erzeugte, wie zu erwarten, auch hier den Gegenschlag. Nur lag in diesem Falle die Sache für den Angegriffenen insofern günstig, als er ein Gebiet zu verteidigen hatte, das aus sich selbst heraus die höchsten Widerstands- kräfte zu entfalten in der Lage war. Es kam eigentlich nur darauf an, diese Kräfte spielen und ins rechte Licht treten zu lassen: alles andere durfte ruhig der natürlichen Entwicklung überlassen werden, die, wenn nicht sofort, so doch nach kurzer Frist den maßgebenden Männern die Augen öffnen würde für die unersetz­lichen, dem Gymnasium zu treuer Obhut anvertrauten Werte.

Es ist ein hohes Verdienst des Teubnerschen Verlags, insbesondere seines Vertreters Dr. Alfred Giesecke-Teubner, daß er soeben in einem stattlichen Bande unter dem TitelDas Gymnasium und die neue Zeit" Fürsprachen und Forde­rungen für seine Erhaltung und seine Zukunft gesammelt hat.') In 88 längeren

') Preis geh. 4,60 Mark, geb. 6 Mark, hierzu Teiierungszuschläge.