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Sozialisierung und Einzelwirtschaft
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Sozialisierung und Einzelwirtschaft

Sozialisierung und Einzelwirtschaft

von Arthur Dix

«MM^M^I n unserer gährendm Zeit feiern Organisationswut und Produktions- öA'I^^^W wut auf der einen, Freiheitsdrang und Arbeitsunlust auf der WA^HM W andern Seite einen wahren Hexensabbat, Wild brodeln die Gedanken lÄk^M W durcheinander, jahrhunderte alte und neuere; es werden mit den- W^MW^M selben Mitteln ganz verschiedene Ziele, dieselben Ziele mit ganz

Mitteln erstrebt-, Schlagworte fliegen durch die Luft und benebeln die Köpfe; wenn man aber genauer hinblickt, verbergen die gleichen Schlagworte grundverschiedene An- und Absichten. Bald tobt Organisationswut sich um ihrer selbst willen aus; bald ist sie eine Erscheinungsform der Produktions­wut; bald wieder verfolgt sie umgekehrt den Zweck, die Menschen gerade aus den Bahnen dieser Produktionswut zu befreien. Die einen wollen sozialisieren, normalisieren und typisieren, um die deutsche Produktion zur höchsten Vollendung zu steigern und trotz aller feindlichen Friedensbedingungen Deutschland doch wieder einen sicheren Platz auf dem Weltmarkt zu verschaffen. Die andern wollen sich ganz der Mittel der Zwangswirtschaft bedienen, nur um das nötigste Matz deutscher Produktion für den Eigenbedarf mit möglichst geringer Kraft- und Zeit­aufwendung durchzuführen, damit jedem Arbeiter das höchste erreichbare Matz an freier Zeit verbleibe.

Stärkster Arbeitseifer und größte Arbeitsunlust bedienen sich tatsächlich in beträchtlichem Umfange der gleichen Mittel, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Die Propheten eines zum äußersten Extrem getriebenen Sozialismus und Kommunismus verkünden ihren Gläubigen, daß sie in Wahrheit nichts anderes verfolgen, als den äußersten Individualismus, meinen sie doch durch zweistündige Zwangs­wirtschaft einem jeden 22 Stunden absoluter Freiheit am Tage schenken zu können. So ist eine Begriffsverwirrung entstanden, in der Klärung bitter nottut; aber die Klärung kann nur das Ergebnis einer Gährung sein, die wir wohl noch geraume Zeit über uns werden ergehen lassen müssen.

Letzten Endes drehen wir uns ja doch nur im Kreise herum um die tiefsten Zweckfragen aller Wirtschafts- und Sozialpolitik, um das Problem der Probleme: einer möglichst großen Zahl von Menschen ein möglichst großes Maß von Glück zuteil werden zu lassen. Die Produktionswütigen sehen das möglichst große Matz von Glück in der Befriedigung möglichst hoch geschraubter Bedürfnisse. Eine übertriebene Produktionssteigerung aber bedingt einen übertriebenen Arbeitsaufwand und läßt den produzierenden Menschen keine Muße, die Produkte ihrer über­steigerten Arbeit zu genießen. Die ArbeitSunlustigen sehen das größte Glück in größtmöglicher Ausdehnung der arbeitsfreien Zeit und gehen in der alleinigen Sorge um die Beschränkung des Arbeitsmatzes so weit, daß auch die Möglichkeit kultivierten Genusses der arbeitsfreien Zeit auf das äußerste eingeschränkt würde oder schließlich ganz in Fortfall käme.

Beide Teile bewegen sich so in einem fehlerhaften Zirkel. Überdies kommen die Berechnungen und Pläne beider Teile gerade in der gegenwärtigen äußeren Lage der deutschen Wirtschaft zur ungünstigsten Zeit. Wenn wir heute unsere Produktion und unseren Arbeitsaufwand bis an die letzten Grenzen des Menschen­möglichen steigern, so verrichten wir damit doch schließlich nnr Frohnarbeit für unsere Feinde, die uns auch das letzte Produkt unseres emsigen Schaffens zu nehmen bereit sind. Letzten Endes erklärte sich ja schon vor dem Kriege die uns zuteil werdende Abneigung großenteils aus unserem beispielslosen Arbeitseifer, aus dem Arbeitszwang, den wir dadurch auf alle unsere Wettbewerber ausübten, denen wir ihre altgewohnte Muße beschränkten. Suchen wir diese Arbeitshast und diese emsige Produktionssteigerung jetzt noch weiter zu entwickeln, so wird die Welt nur wiederum in noch gesteigertem Maße scheel sehen auf diese deutsche Unrast und diesen überhitzten deutschen Wettbewerb.