28. Juni My
aS Unfaßbare ist zur Wirklichkeit geworden. Das Reich Blsmarcks iMUWN^W liegt in Trümmern und deutsche Hände haben mit ihrer Unterschrist s bekundet, daß das Sehnen und die Arbeit von Generationen ver-
'Äs wir mn 1. August 1914 zu den Waffen griffen, da mußten wir wissen, daß es galt, die letzte große Probe zu bestehen, ob endlich das deutsche Volk den Platz in der Welt einnehmen sollte, der ihm gebührte. Diese Hoffnungen haben wir langsam Stück für Stück zu Grabe tragen müssen, und jetzt sind wir tiefer herabgeworfen, als je in der an Tiefpunkten so reichen deutschen Geschichte.
Um Sein oder Nichtsein, auf Leben und Tod ging der Kampf. Oft genug haben wir es gesagt, und oft genug haben wir versucht, aus dieser Einsicht die Kraft zu gewinnen zum Einsatz des Letzten.
Ein Volk von siebzig Millionen geht nicht unter, so hören wir oft. Ach ja, aNch ein Siebzigmillionenvolk kann untergehen. Nicht Mann für Mann mit Frau und Kind, aber das, was mehr ist, als die Summe der einzelnen Volksgenossen, das Volk mit seinem einheitlichen Denken, Fühlen und Wollen, das kann zerbrechen und in wertlosen Teilen aufgehen in anderen Völkern und vielleicht den Boden für neue Völker bilden.
Sind wir soweit? Es ist wahr, ein Siebzigmillionenvolk kann nicht vernichtet werden von fremder Hand. Aber es kann durch eigene Schuld zugrunde gehen.
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Seien wir ehrlich! Es ist kein bloßer Zufall, es ist nicht die erdrückende Übermacht der Feinde gewesen, die uns in den Staub gedrückt haben. Gewiß, die Probe war grausam hart, aber wenn wir sie nicht bestanden, so lag doch bei uns die größte Schuld. Nicht der einzelne, nicht das System sind schuldig. Beide, System und Männer, waren doch nur der Ausdruck unseres tiefsten Wesens. Und was wir in der letzten Woche in Weimar erleben mußten, das wirkt wie eine letzte Bestätigung, daß das Schicksal, das uns trifft, uns auch zukommt. Tiefer kann ein Volk nicht sinken, als wir gesunken sind in den letzten Tagen vor der Entscheidung. Nicht, daß die Entscheidung gefällt wurde, aber wie sie gefällt wurde, rechtfertigt dies Urteil.
Und doch ist dies nicht das Ende unseres Volkes. Trotz allem, was geschehen ist, bleibt es doch einfache Wahrheit, daß kein Volk in dem Kriege erduldet uud geleistet hat, was unser Volk erduldete und leistete. Gewiß, auch große Erbärmlichkeiten sind bei uns zutage getreten; aber beides, Gutes und Böses, ist doch aus dem gleichen Boden gekommen. Und wenn auch das Gute und Kräftige zuletzt überwuchert ist, so bleibt doch ein Boden, der sähig ist, auch gute Triebe zu treiben.
Grenzboten III 1S19 1