255
Neue Bücher
Dr. Arthur Liefert, „Vom Geist der Revolutionen." Berlin, Verlag Arthur Collignon. 74 S. 3.50 M.
Man könnte wohl heute versucht sein, zu der alten Lehre zurückzukehren, die, an dein Sinn und der Erkennbarkeit des disharmonischen, verworrenen Menschengetriebes verzweifelnd, Ordnung und Gesetz nur in dem großen, ruhigen Gang der Gestirne sieht. Indessen wir leben in jenem, es bedrängt und erregt uns durch seine Gegenwart, und so müssen wir mit ihn: fertig zu werden, dazu aber es geistig zn bewältigen suchen. Dies jedoch ist uur möglich, wenn wir es nach Ideen beurteilen, d. h. trotz allem einen Sinn der Menschengeschichte voraussetzen. Solcher Sinn, solche Vernunft in der Geschichte war schon vor hundert Jahren in großartigen Werken der deutschen Philosophie, besonders Fichtes und Hegels, gelehrt worden; von ihnen befruchtet, entwickelt Lieberts Schrift die Gruudzüge einer Geschichtsphilosophie, um durch 'sie das Problem der Revolution zu verstehen. Das durch Gedankenreichtum wie durch bildhaften, schwungvollen Stil packende Büchlein bekennt sich auch wie jene Nachfolger Kants zur Metaphysik; es erhält seiu besonderes Gepräge durch Verarbeitung einer wohlbegreiflichen Stimmung, indem es, von der Zwiespältigkeit und Tragik alles Menschlichen durchdrungen, (mit Ed. v. Hartmann sich berührend) selbst im Urgrund alles Seins einen Widerstreit der Vernunft und des Willens gründet.
Den „Geist der Revolutionen" ersassen, kann hiernach nicht bedeuten: die jüngst von uns erlebte oder sonst eine Revolution geschichtlich ableiten, sondern ein Verständnis des Sinns der Revolution überhaupt (auch jeder nichtpolitischen) vermitteln und zwar durch eine Metaphysik, die man Pantragismus nennen könnte. Demgemäß werden unversöhnliche Gegensätze im Wesen deS geschichtlichen Lebens wie in dein der Revolution herausgearbeitet uud in kunst- und wirkungsvollster Verschlingung vorgeführt: so, daß jenes bei unerträglicher Steigerung des ihm inwohnenden Widerstreits durch die Revolutiou zerrissen wird, diese aber sowohl durch ihre eigenen Kräfte als durch ihre Auflehnung gegen jenes sich selbst zerstört. Das geschichtliche Lebeu ist in seinem Weseu ein unaufhebbarer Kampf zwischen Relativem, Endlichem und Absolutem, Unendlichem, das in >hm wirkt, erscheint und ihm erst Sinn verleiht. Das Relativ.', verkörpert w Überlieferungen, Vereinbarungen, Einrichtungen und Bindungen aller ^>rt, „deren Recht lediglich in dein Umstand ihres Vorhandenseins und ihres Gebrauchs liegt', maßt sich mehr und mehr absolute Geltung an und verdrängt so mit unentrinnbarer Dialektik allmählich die ewigen Werte und das ursprüngliche Leben. Gegen diesen widersinnigen Zustand stürmen die Wogen der Revolution, die aber aus zwei wesenhaften, in aller Geschichte wirksamen, jeweils in ganz verschiedenem Stärleverhnltnis sich mischenden „Urquellen" im Absoluten entspringen: aus dein noch ungeistigcn, an sich nicht werthaften Willen zum Leben "der zur Macht, der nun als elementare, bald Bewunderung, bald Entsetzen erregende Naturkraft dahinbrnust, und der Selbstgesetzgebung der Vernunft als der Einheit der Kulturwertc, die, als absoluter Wert, nach ihren geistigen, insbesondere mttlichen Normen das Leben erneuern, die Kultur neu erbauen will. In zweierlei Gestalt wiederum waltet diese absolute Vernunft, jeden Menschen im Kleinsten wie im Größten beherrschend, in der Geschichte: als Weltanschauung und als schicksalsmäßige Macht. Beide beherrschen und leiten den einzelnen wie die Gesamtheit auf Sckritt und Tritt. Jede Revolution aber ist hinsichtlich ihrer Leistung gemäß diesen beiden Formen nach ihrem Gehalte an Vernunft zu beurteilen.
Allein das Unternehmen der Revolution, das Unbedingte, Vollendete an die stelle des. Relativen, Unzulänglichen zu setzen, ist zum Scheitern verurteilt; es führt uiit unentrinnbarer Notwendigkeit zur „Krisis der Revolutiou": der Widerstreit des geschichtlichen Lebens vervielfältigt und steigert sich in ihr so, daß sie sich selbst ui ihrem Wesen zerstören muß. Zersetzung droht ihr von der Ausartung ihrer »aturhaften Triebkräfte in Zügellosigkcit, durch deren Folgen alle Ordnung zer-