Im Wcndenland
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Im Wendenland
von Reinhard Weer
on den seltsamen Blumen, die aus dem verwilderten deutschen Acker sprossen, ist die Wendenbewegung Wohl der seltsamsten und unerfreulichsten eine. Man hat ihr gegenüber von Reichsseite zunächst die Politik angewandt, sie zu ignorieren, dann, sie ins Lächerliche zu ziehen, wozu sie in der Tat herausfordert, und erst als diese beiden Verfahveusarten die Bewegung nicht niederzuhalten vermochten, ging man dazu über, sie sachlich zu werten und ihr mit sachlichen Gründen entgegenzutreten. Im gegenwärtigen Zeitpunkt liegt besonderer Anlaß, sich mit der Wendensrage zu beschäftigen, insofern vor, als die Bewegung aus einein Kulminatim:spunkt angekommen zu sein scheint. Eine programmatische Kundgebung des wendischen Nationalausschusses hat vor kurzem dessen Ziele klar umschrieben-, au Einzelforderungen waren da unter anderen diese genannt: Vereinigung aller Ober- und Niederlausitzer Wenden zu einem selbständigen Staate/in dem alle Beamten vom Fürsten oder Präsidenten bis herunter zum Polizeidiener wendisch als Muttersprache sprechen müssen; Berufung eines wendischen Parlaments, Einführung der wendischen Sprache bei Post, Eisenbahn, Gericht und allen anderen Behörden, Aufstellung eines wendischen Volksheeres, Einrichtung wendischer Schulen und Seminare. Das klingt gewiß sehr vermessen aber nicht nnidecil, erweckt es doch den Anschein, als bildeten kulturelle Bestrebungen die Quintessenz der Bewegung. Solcher Verschleierung gegenüber ist es angebracht, die wahren Untergründe der wendischen Wünsche mit Rücksichtslosigkeit aufzudecken und uns wie der Entente ins rechte Licht zu rücken: ^ino lllas IlVOl'iruao! .
„Barth ist aus Paris zurück. Er bringt gute Botschaft mit." Unter solcher Verheißung sandte der Wendische Nationalausschuß seine Einladungsfcug- blätter ins Land. „Er spricht am Sonnabend in den Sälen des Hotels „Zur Krone" in Bcmtzen über die wendischen Angelegenheiten. Wende» und Wendinnen von Stadt und Land sind dazu freundlichst eingeladen." Auch mir trug der Zufall dieses in wendischer Sprache verfaßte Flugblatt auf den Tisch. Ich traf spät in der Nacht in Bautzen ein und konnte an einem kleinen privaten Vorspiel: stundenlangem Suchen nach einem Quartier in den überfüllteil Hotels, erkennen, wie sehr Barths Einladung „gezogen" hatte.
Die Versammlung fand om nächsten Morgen statt. An die dreitausend Wenden, fast ausschließlich Bauern laus der Umgebung von Bautzen, füllten den harmlos mit patriotischen Fähnchen geschmückten Saal, in dem über die Abkehr von schwarz-weiß-rot und grün-weiß verhandelt werden sollte. Man sah eckige, rissige Bauer«- und runde Frauengesichter; ziemlich viel Mädchen waren in Tracht mit schwarzer Haube und besticktem Seiden streifen unter dein Kinn. Und Barth berichtete. Wie er nach Paris und zurück gekommen ist, nachdem die deutsche Negierung ihm den Paß verweigert hatte, das verriet er nicht. Hat er da etwas zu verbergen? Hat er sich des Reiseweges durch die Luft bedient, oder hat ihn sein Freund Mcisaryk von Prag aus uach Paris fahren lassen?
Dreitausend Wendeil uud Wendinnen spitzen die Ohren, zu hören, was er ans Paris an neuer Botschaft mitdringt. Der kleine Mann mit dem starken schwarzen Schuurrbart im gelben Slawengesicht spricht wendisch. Er ist ein guter Redner, der zu packen versteht: völlig frei spricht er, und starke, sichere Gestikulationen unterstreichen seine Worte. Es ist klar, das; ehrgeizige Gedanken im Schädel dieses Bailernsprößlings, der Politiker -wurde, rumoren: in das alte Bnutzencr Schloß, die Ortensburg, als Staatsoberhaupt einzuziehen, ist ihm letztes Sehnsuchtsziel seiner wendischen Selbständigkeitspropaganda. Stach emer anderen Version soll der bisherige Bcmtzener Stadtverordneteiworsteher Dr. Her-