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Kirche und politische Parteien
keit etwa eines alten kaufmännischen Angestellten, der, bei spärlichem Gehalt, ohne Ersparnisse und ohne Recht auf Pension, im Dienste seines Chefs sich verbraucht hatie und vor dem Tage zitterte, da der junge Erbe ihm kündigen und ihn ohne Aussicht auf einen anderen Posten auf die Straße setzen würde? Er sah sich, samt seiner Familie, den Launen des Brotherrn erbarmungslos ausgeliefert und gezwungen, jede Art von seelischer Demütigung und Mißhandlung schweigend zu ertragen. Dieser Sklave muß die Freiheit erhalten, an das Gericht seiner Standesgenossen zu appellieren-, diesem Despoten muß die Möglichkeit genommen werden, zynisch oder gedankenlos mit Menschenschicksalen zu spielen.
Die Massen, die sich an das Wort Räte klammern und mit der gelassenen Gesetzesfabrikation der Nationalversammlung nichts anzufangen wissen: es ist eben solche Sicherung, die sie verlangen. Sie fühlen ganz gut: diese oder jene Verfassung ändert nichts an ihrem Lose, dem Brotherrn, dem Beamten, dem Vorgesetzten ausgeliefert zu sein. Wenn hierin alles beim Alten bleibt, was haben sie dann von der Revolution? Ihre Sehnsucht wissen sie nicht zu formulieren; es ist Instinkt, der sie treibt. Warum kommt man ihnen nicht zu Hilfe? Warum verkündet man das neue Recht des Gehorchenden, öffentlich und von Rechts wegen kontrollieren zu dürfen, nicht von allen Tribünen, Kanzeln und Rednerpulten? Warum macht man daraus nicht eine lodernde Fackel, ein rauschendes Banner der umgewandelten Zeit? Wäre es nicht auch taktisch klüger, dem Volk diesen Wunsch von den Lippen zu lesen, ihn laut auszusprechen und freudig zu erfüllen? Würde man damit nicht den gewissenlosen Hetzern, die das dumpfe Mißtrauen der Massen zu einem blindwütenden Radikalismus auszunützen verstehen, das Wasser abgraben? Was man statt dessen tut, ist ein offenes oder verstecktes Widerstreben oder ein unfreiwilliges Nachgeben und Sichzerrenlassen. Auch die Zugeständnisse der Reichsregierung vom 1. März sind nur ein unschmackhaftes, lompromißartigeS Gemisch ans den beiden Arten des Nätegedankens.
Langsam schreitet die Menschheit fort. Das Danaidenwerk, um das sie sich seit Jahrtausenden müht: die Massen zu gemeinsamer Arbeit zu organisieren, ohne Recht und Freiheit des einzelnen zu vergewaltigen, ist in unseren Tagen um ein kleines Stückchen gefördert worden. Der Nätegedanke als Form der Machtkontrolle lebt und wird Macht gewinnen, mit uns oder ohne uns oder gegen uns. Warum also nicht mit uns, da wir doch, aus der Tiefe unseres menschlichen und europäischen Gewissens, mit ihm sein können?
Airche und politische Parteien
von Professor O. Johannes Wendlclnd
lachdein die trefflichen Artikel von Albrecht Kaiser in Nr. 52, Jahrgang 1918, und von Martin Peters in Nr. 3 und 4 dieses Jahres die Fragen der Trennung von Staat und Kirche beleuchtet huben, sollen die mannigfaltigen Probleme, um die es sich bei diesem Schlagwort handelt, nicht nochmals erörtert werden. Ich würde lieber von einer Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche reden. Folgende drei Fragen sind die. dringlichsten: Erstens: Soll der Staat auch weiterhin finanzielle Beihilfen an die Kirchen leisten? Zweitens: Soll der Staat in den Staatsschulen auch ferner konfessionellen Religionsunterricht erteilen lassen? Soll er aus Staatsmitteln theologische Fakultäten unterhalten, an welchen die künftigen Pfarrer ihre wissenschaftliche Borbildung für ihr Amt suchen müssen? Drittens: Soll der Staat irgendwelche Mitwirkung bei der Besetzung kirchenregimentlicher Amter (Konsistorien, z^ber-