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Der Rätegedanke
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Der Rätegedanke

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Der Rätegedanke

von Dr. Moritz Goldstein

or dem Rätesystem zu erschrecken und bei dem Rufe:Alle Macht A.- und S.-Räten" davonzulaufen, ist vielleicht nicht ganz die

richtige Art, sich mit einer politischen Idee auseinanderzusetzen. MÄzW^ M W i e viele von denen, die diese aus den kochenden Tiefen der

Revolution ungestüm empordrängende Neubildung als Erfindung

des Teufels oder mindestens als russisches Produkt mit Empörung zurückweisen, haben schon ernsthaft ihrem Wesen, ihren Ursachen und Möglich­keiten nachgesonnen? Wie viele sind über rein gefühlsmäßige Abneigung hinaus zu stichhaltigen Gründen gelangt? Allerdings musz eingeräumt werden, daß auch die radikalen Anhänger des Rätegedankens mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand dabei zu sein scheinen; das Wort Räte, an sich sehr friedlich, alt­modisch und bureaukratisch klingend, ist zum werbenden Schlagwort und zur flatternden Fahne der Revolution selber geworden. Keineswegs aber stimmen alle, die es enthusiastisch im Munde führen, überein, was sie darunter verstehen wollen, und haben ebensowenig wie ihre Gegner den Gedanken zu Ende gedacht. Sie, oder ihre demagogischen Führer, haben auch gar kein Interesse, das zu tun; denn nicht auf kühle Klarheit, fondern auf brodelnde Überhitznng kommt es ihnen an. Um so mehr Grund haben wir anderen, den seltsamen Begriff vor das Tribunal der Vernunft >zu ziehen, wir, die wir uns nicht von ungebändigten Elementarkräften der Massenpsyche fortreißen lassen wollen, sondern uns bemühen, im tosenden Wirbel der Zeit unseren Weg zu unserem Ziele fortzu­schreiten. Sehen wir uns also den Nätegedanken aus der Nähe an. Dabei wird sich zeigen, daß das Monstrum, sowie wir es mit festem Griff in die Hand nehmen, das meiste von seiner Bedrohlichkeit, allerdings auch viel von seiner Anziehungskraft verliert.

Es soll hier nicht gefragt werden, ob die Räte, die so zahllos und wie mit einem Zauberschlag an Stelle der zusammenbrechenden alten Ordnung entstanden, oder vielmehr nicht entstanden, sondern eines Tages einfach da waren, es soll nicht gefragt werden, ob diese Räte nützlich oder schädlich wirkten, noch auch, welches bei der Ablösung der legitimen Gewalten durch die Räte die Ursache und welches die Folge war: an sich betrachtet hatten die neuen Machtgebilde gar nichts Revolutionäres, sondern waren hübsch parlamentarisch oder konstitutionell oder einfach demokratisch. Eine Gruppe von Menschen setzt sich eine selbstgewählte Leitung: dieses unkomplizierte Prinzip lag dem kleinsten Arbeiter- oder Soldaten­rat genau so zugrunde, wie es dem gesamten Teutschland zu seiner gesetzgeben­den Nationalversammlung verholfen hat. Revolutionär war an den Räten ihre große Zahl, ihre Unabhängigkeit, der fehlende Zusanunenhang, das unorganische Nebeneinander statt des disziplinierten Stufenbaues; alles dies notwendiger Aus­druck der Tatsache, daß der alte Staat in sich zusammengebrochen war. Die kleinsten Teile des großen Organismus begannen ein Eigenleben, sie riefen: Nette sich, wer kann! und liefen in alle Windrichtungen auseinander. Allein die Tatsache, daß die Splitter sich sofort irgendwie neu konstituierten, darin wurde, im allgemeinen Zerfall, der Wille wirksam, neu zu bauen, wieder zusammenzu­setzen. Die winzigen Einheiten, die sich organisierten und fortan glaubten, sich souverän gebärden zu dürfen, waren doch immerhin Einheiten, Körperschaften; nicht Staub, sondern Steinchen, mit denen sich bauen ließ. Die Art, wie sie sich eine Leitung gaben, war im ersten Augenblick durchaus unvollkommen, improvi­siert; häufig handelte es sich um freche Usurpation; allein daß jeder Truppenteil und jeder Betrieb nach irgendeiner Leitung strebte, daß man prinzipiell bereit war, sich, um zu ordnen, aufs neue unterzuordnen, darin lag in dem revolutio­nären Akt selbst die Überwindung der Revolution.

> Von den Tagen der spontanen Nätebildung trennt uns heute schon eine jiemlich lange Entwicklung. In das Regellose, namentlich in die Wahlhandlung,