Was wollen die Polen?
von Georg Lleinow
er vor dem Kriege noch nicht Skeptiker war, sollte es während des Krieges geworden sein. Ohne eine starke Dosis Skepsis ist heute die Lektüre der Zeitungsnachrichten, soweit sie sich mit politischen Fragen befassen, noch gefährlicher wie in normalen Zeiten. Das Nachrichten-Durcheinander in der polnischen Frage war besonders geeignet, die lesende Welt zu Skeptikern zu erziehen.
Vor etwa vier Wochen konnte es dem den polnischen Dingen Fernerstehenden scheinen, als sei die Polenfrage durch den Willen einiger klar blickender Männer hüben und drüben endlich aus den rechten Weg gebracht. Infolge der recht optimistisch gehaltenen Telegramme aus dem Großen Hauptquartier und entsprechender Äußerungen, die nur aus der Wilhelmstraße stammen konnten, ging sogar ein gewisses Aufatmen durch das Zeitung lesende Publikum.
Als Herr von Hintze nach Wien reiste, blieb Berlin mit der Hoffnung zurück, daß an der Donau alles in schönste Ordnung gebracht werden würde. Nun ist der neue Herr des Auswärtigen Amtes längst wieder in Berlin und — Optimisten glauben, es werde weiter verhandelt, in ihrem Glauben gestärkt durch die völlig unorientierten Artikel des Herrn Dombrowski im „Berliner Tageblatt". Ich bin in allen polnischen Dingen immer gut gefahren, wenn ich Mitteilungen über Polnische Entschlüsse zunächst mit größter Vorsicht aufnahm und solchen Mitteilungen überhaupt nicht glaubte, sofern sie von einer Annäherung der Polen an Deutschland erzählten. Und — ich bin damit gut gefahren und habe auch in den letzten Wochen eine Entäuschung nicht erlebt. Gegenwärtig wird wegen der Lösung der Polenfrage nicht verhandelt! Einmal würde die Regierungskrise in Warschau solche Verhandlungen ohne weiteres unterbrochen haben, dann aber bedarf es vor allen Dingen einer Zustimmung Österreich-Ungarns zu Verhandlungen unter Ausschaltung der austro-polnischen Lösung. Diese Zustimmung ist nicht da. In Wien wird aber ein Memorandum ausgearbeitet, das Vorschläge für neue Grundlagen zu Verhandlungen zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn bringen soll. Wird aber nicht verhandelt, so ist anzunehmen, daß in gewissen Amtsstuben in Grenzboten III 191« 23