Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Bessere Zahlwörter. Wenn ein Briefträger die Post bestellen soll, und er geht zunächst in das zweite HauS, dann in das erste, hierauf in das vierte und danach in das dritte, so wird er viel Zeit unnötig verlieren. Und welche Unzuträglichkeiten würden entstehen, wenn am Schalter oder beim Schlangestehen zunächst die zweite, dann die erste Person abgefertigt würde I Die natürliche Reihenfolge ist so selbstverständlich, daß man eine Abweichung nicht für möglich halten sollte. Aber dennoch
wie spricht man die Fernsprechnummer 2846? Nach Anordnung der Postbehörde dreiundzwanzig, fünfundvierzig; Wie liest man die Zahl 123 456? Einhundert drei undzwanzig tausend vierhundert sechs und fünfzig, also zunächst die erste, dann die dritte und zweite, hierauf die vierte, sechste und fünfte, an leiner Stelle werden zwei aufeinander folgende Zahlen in der richtigen Reihenfolge gesprochen. Und selbst bei zweistelligen Zahlen lesen wir 13 dreizehn, 24 — vierundzwanzig usw. bis neunundneunzig, alles verkehrt I Jeder Bater und jede Mutter weiß, wieviel Mühe und Tränen die Schreibung der Zahlwörter in den ersten Schuljahren kostet. Wir lesen alles von links nach rechts; alles, was wir hören, schreiben wir von links nach rechts, nur bei Zahlen wird diese selbstverständliche Regel dauernd verletzt.
Ist diese inkonsequente, hin- und herspringende Bezeichnung im Wesen der Sache begründet? Der Franzose zählt von ciix-sept. der Engländer von twenty-one an regelmäßig. Bei Zahlen unter 100 findet man die verkehrte Stellung (wenn wir elf und zwölf nicht berücksichtigen), schwedisch, englisch, litauisch, russisch, Polnisch siebenmal, französisch und italienisch viermal, spanisch . und portugiesisch dreimal, griechisch und lateinisch kann man überall die regelmäßige Stellung anwenden — im Deutschen dagegen haben wir die Umstellung 79 mal, unsere Stellung ist also wesentlich unzweckmäßiger als bei allen anderen Völkern. DaS ist ein Punkt, in dem wir wirklich rückständig sind! Aber man gewöhnt sich an alles. Zu Goethes Zeiten galten zwei Talglichter für eine glänzende Beleuchtung, und so glauben die meisten,
nachdem sie die Mühen des Rechenunterrichts überwunden haben, daß eine Vereinfachung unmöglich ist. Sie vergessen, daß bei jedem Gebrauch eines Zahlwortes, bei jedem Übergang vom Wort zur Ziffer ein Zeitverlust und eine Denkarbeit entsteht, die zwar in jedem einzelnen Falle gering ist, die aber bei der großen Masse der zu bewältigenden Zahlen die Leistungsfähigkeit stark herabsetzt und dauernd Anlaß zu Fehlern gibt. Die kleinen Reibungen bei einer schlecht geölten Maschine verursachen großen Kraftverlust. Beim Taylor- System, das von Amerika aus in die Industrie eindringt, untersucht man jede Bewegung eines Arbeiters, um festzustellen, auf welche Art die gewünschte Leistung mit der geringsten Kraftanstrengung hervorgebracht werden kann. Beim Gehen ist es ziemlich gleichgültig, ob man einen einzelnen Schritt auf gutem oder schlechtem Wege macht, aber bei der ungeheuren Menge von Schritten, die in einer Großstadt zu tun sind, wäre auf, schlechten Straßen die Verschwendung an Zeit und Arbeitskraft so groß, daß der Staat und die städtischen Verwaltungen lieber alljährlich viele Millionen Mark aufwenden, um durch Trittsteine, Asphalt, Straßen- und Eisenbahnen den Verkehr zu erleichtern. Sollte man nicht ebensoviel Geld und Mühe aufwenden, um eine bessere Ausnutzung der Geisteskraft zu ermöglichen. Sollen wir immer weiter in den Eierschalen unserer Entwicklung stecken bleiben, und sollen wir aus krankhafter Überschätzung des geschichtlich Gewordenen einen notwendigen Fortschritt hindern?
Da die Ziffern die vollkommenste Darstellung des Zahlbegriffes geben, so kann eine Besserung nur erfolgen, indem man die Zahlwörter den Ziffern möglichst anpaßt. Man zähle: zehndrei, zehnvier... zehnneun, zwanzigein ... neunzigneun. Dadurch wird die Stellung auch bei allen folgenden Zahlen regelmäßig. Das Nähere ist in Fachzeitschriften ausgeführt, z. B. im „Deutschen Philologenblatt" 1916 Nr. 30 und 1913 Nr. 27.
Dieser Gedanke liegt so nahe, daß er schon mehrfach ausgesprochen ist, z. B. von Förster, Höfler u, Ostwald. Vereinzelt ist diese Bezeichnung auch schon im Gebrauch, wenn bei