Bevölkerungspolltik oder Geburtenpolitik?
15
Vevölkerungsxolitik oder Geburtenpolitik?
von Dr. Hermann Werner Siemens
er bekannte Rassenhygieniker Geza von Hoffmann hat vor nicht allzu langer Zeit den Ausspruch getan, daß unter dem Namen „Bevöl- kerungspolitik" alle möglichen Teilgebiete der Rassenhygiene*) systemlos durchwühlt würden. In der Tat ist es allmählich dahin gekommen, sämtliche öffentlichen Bestrebungen, die überhaupt irgendwie sich auf ^ die Bevölkerung beziehen lassen, als „bevölkerungspolitisch" zu bezeichnen. Ob man für Siedlungspolitik oder für Pflege der schulentlassenen Jugend, ob man für Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten oder für Einrichtung von Jugendbüchereien, ob man für Beschaffung gesunder Nahrungsmittel oder für Vertiefung der religiösen Erziehung eintritt: immer treibt man „Bevölkerungspolitik" und fühlt sich stolz als „Bevölkerungspolitiker"; denn seit ein Vertreter des preußischen Ministeriums des Innern die Bevölkerungsfrage als die Frage des Jahrhunderts bezeichnet hat, ist ja die „Bevölkerungspolitik" für alle Zwecke eine schöne zeitgemäße Empfehlung.
Unter diesen Umständen mußte es natürlich mit der Zeit dahin kommen, daß der Begriff Bevölkerungspolitik alles und gar nichts mehr besagt. Jede Frage des öffentlichen Lebens kann letzten Endes irgendwie auf die Bevölkerung bezogen werden, und so ist die Bevölkerungspolitik schon nahezu ein Synonym für Politik überhaupt geworden. Wenn man sagt, wir brauchten in dem künftigen Friedensschluß neues Land, so kann man das „bevölkerungspolitisch" damit begründen, 7^ ? neuerwvrbenen Landstrichen vielen deutschen Bauernfamilien Existenz- mogucykert gegeben ist; wenn man sagt, wir brauchten eine Kriegsentschädigung, "/^°°°lkerungspolitische" Gründe dafür ins Feld führen, weil durch -W°digung unsere Wirtschaftslage gehoben und dadurch die Aufzucht L^Wchen Kinderschar erleichtert würde. In ähnlicher Weise kann man s bri,^ ^ der Kriegsgesellschaften oder ihre Aufhebung, und die Ein- ^?-mLs^ ?llgememen gleichen Wahlrechtes in Preußen oder die Erhaltung des ^M?s»." ^ uach dem politischen Standpunkt als „bevolkerungs-
^ ? bezeichnen, und so bleibt von der ganzen „Bevolkerungs-
Ermann i.rn ^tter übrig als ein neues Schlagwort, gut geeignet für
Aufschrift zu ^ leweiligen Zielen eine gern gesehene, der Jetztzeit gemäße
l° gewesen. Als das Wort Bevölkerungspolitik ent- ^ ^ «-A^ emen ganz bestimmten Sinn. Denn die Bevolkerungs-
Politik verdankte ursprünglich ihr Dasein der ernsten Sorge, die immer weitere Kreise unseres Volkes angesichts des unaufhaltsam fortschreitenden Geburtenrück-
also die Bevölkerungspolitik ein zusammen- fassendes Wort für die praktischen Mittel, die der Bekämpfung des Geburtenrück- ganges dienten. Nun wird heutzutage mancherlei als Mittel gegen den Geburten- ruckgang empfohlen. Wir müssen deshalb, wenn wir den Charakter der Bevölke- rungspoktik erkennen wollen, uns die Frage vorlegen, worauf es bei der Be- kmnpfung des Geburtenrückgangs eigentlich ankommt
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns einmal grundsätzlich klar machen, was der „Geburtenrückgang" eigentlich ist Seinem Wesen nach besteht nun der Geburtenrückgang ganz kurz gesagt darin, daß eben die Zahl der Geburten zurückgeht; das sagt ja schon das Wort. Als praktische Mittel gegen den Geburten- rückgang können daher — ganz allgemein und grundsätzlich ausgedrückt — nur solche Maßnahmen in Betracht kommen, die geeignet erscheinen, den Rückgang
*) Die Rassenhygiene (Ploetz) ist die Lehre von den Erhaltungs- und Entwicklungsbedingungen der Nasse, d. h. des dauernd fortlebenden Volkskörpers.