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Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland
dieses neuen Frauentyps zu verarbeiten haben. Verschärft wird diese Frauenfrage durch die trübe gewordenen Heiratsaussichten unzähliger Mädchen aller Schichten. Der Krieg hat grausam die Männerauswahl in den Heiratsjahrgängen verkleinert. Die schweren kommenden Jahre werden die Ehescheu der Männer unendlich verschärfen. Kein Gesetz, keine Steuerentlastung wird dagegen helfen, daß viele, viele Mädchen sich auf ein eheloses Leben' einrichten müssen. Das Große, das auf einmal, mit einem gewaltigen Entschluß geleistet werden muß, wird von den Männern verlangt, das Schwere, das lange, öde Jahre hindurch getragen werden muß, das Leben ohne anderen Inhalt, als Entsagung, von den Frauen, von ihnen, wie immer, doch das Schwerste. Ihr
Nemo
Parlament und Regierung im neugeordneten
Deutschland
nter diesem Titel hat der Heidelberger Nativnalökonom und Politiker Max Weber soeben eine Schrift erscheinen lassen*), die zu dem Sachkundigsten und Wertvollsten gehört, was über den Gegenstand bisher gesagt worden ist. Auch wo man den Schlüssen und Folgerungen, die der Verfasser zieht, nicht zustimmen kann, bleibt die intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung mit seinen Gedanken hoher Gewinn, eine wahre Pflanzschule politischer Bildung. Auch für den „staatsrechtlichen Fachmann", obwohl Weber bescheiden ihm nichts „Neues" zu sagen glaubt.
In Anbetracht der Wichtigkeit des Themas und seiner Behandlung durch Weber sei zunächst eine Analyse der Schrift vorausgeschickt, mit der wir gleich Einzelkritik verbinden.
Die „Vorbemerkung" begründet die Stellungnahme des Autors zum Problem mit seiner Beobachtung, „daß die bisherige Art der staatlichen Willensbildung und des politischen Betriebes bei uns jede deutsche Politik, gleichviel welches ihre Ziele seien, zum Scheitern verurteilen müsse, daß dies bei gleichbleibenden Verhältnissen künftig immer wieder genau so sein werde", ohne die Garantie, stets durch das Schwert wieder gut machen zu können, was die diplomatisch- politische Feder verdirbt. Man muß also jene Verhältnisse ändern. Und das soll und kann nach Weber, um es gleich zu sagen, nur durch Einführung der parlamentarischen Regierungsform geschehen.
Das Bedenken, eine Kritik an unserer Staatsfvrm „liefere den Feinden Waffen", wird abgelehnt. Damit habe man uns zwanzig Jahre den Mund verbunden, bis es zu spät war. „Was haben wir jetzt noch durch solche Kritik im Auslande zu verlieren? Die Feinde könnten sich beglückwünschen, wenn die alten, schweren Schäden auch weiter bestehen bleiben." Sogleich ein kennzeichnendes Beispiel für die höchst subjektive und zuspitzende, gelegentlich auch wohl überspitze, Art Webers, die Dinge zu schauen.
„Jetzt" haben wir vielleicht nichts mehr zu verlieren, aber damit ist doch der Einwand nicht erledigt, daß die früher vou gewisser Seite nicht abbrechende Klage über deutsche Verfassungsunfreiheit dem Auslande die Waffen geliefert hat,
*) In der von Sigmund Hellmann herausgegebenen Sammlung „Die innere Politik", Duncker u. Humvlot, München und Leipzig 1918. 182 S. Geh. 4 Mark.