Pariser Welt und Halbwelt zur Zeit der Direktorialregiernng 201
pariser Welt und Halbwelt zur Zeit der Direktorialregierung
von Stridienrat Dr. Willi Müller
er Wirre Traum von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, den die Franzosen in jenen Tagen träumten, da bunt durcheinander die Köpfe des Königs und der Königin, der Girondisten wie der Mon- tagnards, Dautons und anderer Schreckensmänner in die Ewigkeit rollten, ging zu Ende, als an dem denkwürdigen 9, Thermidor des zweiten Jahres der Republik Rabespierre gestürzt wurde und vierundzwanzig Stunden später das geschäftige Fallbeil, dem er Hunderte überliefert hatte, endlich auch das Haupt dieses blutdürstigsten aller Tyrannen vom Rumpfe trennte. Der erste Akt des großen, die Welt völlig umgestaltenden Dramas war damit ausgespielt, und allmählich stellte sich unter dem Direktorium uach der Zeit der Unruhe ein Gefühl der Sicherheit ein, das es gestattete, aus der politischen Revolution eine gesellschaftliche zu Inachen und Frankreich der Last am Dasein, die es so lange entbehrt hatte, zurückzugeben. Zumal die Frauen waren es, die mit der gefälligeren Lebensauffassung Athens das Sparta der Sansculotten zu erfüllen wünschten, und ebensowenig wie jene zeigte sich die Jugend geneigt, dauernd das Joch einer alle Freudigkeit ertöteudeu Barbarei zu tragen; sie'schmachtete förmlich nach Genuß und freier Bewegung und wollte die Vergangenheit heraufbeschwören, die ihre Kindheit verschönt hatte. Dem Sehnen der im Lenze ihres Lebens stehenden Mädchen konnte das Bewußtsein demokratischer Tugend allein auf die Dauer denn doch nicht genügen, und natürliche Verbündete fanden sie an den gleichalterigen Jünglingen. Man wollte die Schrecken der Revolution aus der Erinnerung völlig verbannen, und so stürzte sich zumal Paris kopfüber in einen wahren Taumel des Vergnügens; konnte man im Zweifel sein, ob die Franzosen zur Zeit der Terreur mehr Helden oder Narren gewesen waren — jetzt wurden sie ein Volk von Genießern. Allerdings erscheinen uns die Jahre des Direktoriums als eine Zeit, in der die Grenze, die Welt und Halbwelt trennt, oft nicht ganz deutlich zu erkennen war; gebildete Frauen nahmen keinen Anstoß an dein sittenlosen Treiben vieler ihrer GeschlcchtSgenossinnen; anrüchige Damen verkehrten unangefochten in guten Kreisen, und im Punkte der Moral herrschte eine so ausgesprochene Nonchalance wie kaum zur Zeit des aneisn röZime, unter dein einst Ludwig der Sechzehnte als Dauphin seine junge Gemahlin ganz ungeniert bei der Dubarry, der Maitressc seines Großvaters, eingeführt hatte.
Als ein Wesen, das auf jener Grenzlinie zwischen Welt und Halbwelt «mphibiotisch balanciert, erscheint vor allem Frau Tcresia Tallien, „»lotrs Dame 6u 1">rermiclor", wie die Pariser sie nannten, weil nicht ohne ihren Einfluß Nobespierres .Katastrophe herbeigeführt worden war. Sie öffnete nach der Schreckenszeit zuerst die Pforten ihrer Villa, der am Cours de la Reine gelegenen „Chaumiere", wieder der Gastlichkeit und verstand es, die Ränme dieses reizenden Heimes bald zu einem Sammelpunkt der guten Gesellschaft zu machen. Hier saßen der ausgesprochene Revolutionär, der blaublütige Aristokrat und der reich gewordene Spekulant an demselben Tische; Barras, der glänzendste der fünf Direktoren, ging ein und aus und spielte halbwegs den Hausherrn, und in den so bnnt gemischten Kreis kehrte unter dem versöhnenden Einflüsse der schönen Frau allmählich die der Zeit des Jakobinertums völlig fremde feine Sitte früherer Tage zurück. Auch ein kleiner, in einer stark abgetragenen Uniform steckender Offizier, mager, mit »ruppigem Haar und gelber Haut, die an den Knochen zu kleben schien, besuchte diesen Zirkel; man konnte meinen, er käme direkt vom Schlachtfelde und röche noch nach Pulver, und wenn er über die Straße ging, hörte man Wohl die Leute sagen: „^Irl comme il est laicl ce petit Lrapaucl!" Das war der damals inaktive Brigadegeneral der Artillerie Napoleon Bonaparte, der in kurzem