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Randglossen zum Tage
Randglossen zum Tage
Au den Herausgeber
en feindlichen Mächten hat sich gerade zu Maianfang auch der Frühling gesellt, der hoffentlich bald wieder neutral wird, und in Berlin ist es kalt wie in der Seele eines modernen Operetten- Librettisten. Der einzige Ort mit erhöhter Temperatur ist in diesen Tagen der Plenarsaal des Abgeordnetenhauses, in dem langsam und zögernd der Vorhang über dem alten Preußen fällt. Seit dem 1. Mai kann man in Wirklichkeit erblicken, was besorgte Patrioten jetzt nächtlich in ihren Träumen schauen: die rote Fahne über Berlin wehend. Sie flattert blutrot vom Dach der russischen Botschaft Unter den Linden, in der Herr Joffe sich jetzt an Milieu und Gestus des Botschafters eines großen Reiches zu gewöhnen sucht. Ein sonderbarer Anblick, das Revolutionsbanner auf diesem Hause, in dieser Straße, in dieser Stadt, zu dieser Zeit. Die längsten Leitartikel des „Acht-Uhr-Abendblattes", die in Fortsetzungen zu erscheinen Pflegen, wie ein Roman, wirken nicht so anregend auf den Denkapparat, wie dieser Farbenfleck in dieser von feierlichen Traditionen durchwehten Luft, die über den Palais' der Linden weht. Vor der Seele des nachdenklichen Beschauers rollt sich wie ein Film eine Reihe von Erinnerungen ab. Man denkt an die heilige Allianz, an die Sorgen des alten Kaisers um die russische Freundschaft, an den Rückversicherungs- vertrag und Hammcmns Enthüllungen darüber, an die noch nicht lange verflossenen Tage, da zwischen zwei hocharistokratischen Festlichkeiten im nunmehrigen Amtssitz des Herrn Joffe der plötzlich abgesägte russische Militärattache- Oberst Basaroff seine Spionagegeschäfte betrieb. Die Jdeenassoziation leitet über zur Zerstörung der architektonischen Schöpfung Peter Behrens' in Petersburg und zu dem, was darauf folgte, uud was so viel und so ungeheuer ist, daß es von Hirn und Seele nicht mehr als ein Ganzes erfaßt werden kann, und die Erinnerung es nur bruchstückweise zu beleben vermag. Man denkt an die Wandlungen, die den Adler von der Fahnenstange des Hauses Unter den Linden entfernt und die rote Fahne haben hinaufsteigen lassen, und während man einst und jetzt vergleicht, bricht wie ein Sturzbach das Bewußtsein über einen herein, daß seit vier Jahren eine Welt in Trümmer fällt, aufgerichtet aus Gedanken, Überlieferungen, Staatseinrichtungen und politischer Arbeit, und aus Städten und Dörfern, Festungen und Ländern. Und mau verliert den Atem. Ein Glück, daß man an der nächsten Litfaßsäule liest, daß die „Familie Hcmnemann" zum ersten Male und das „Dreimäderlhaus" zum achthundertsten Male aufgeführt wird. Länder werden verwüstet, Tausende sterben täglich den blutigsten Tod, Millionen Menschenseelen zerreist das Leid, aber die „Familie Hcmnemann" wird zum ersten Male und das „Dreimäderlhaus" zum achthundertsten Male ausgeführt, und ähnliche Erstaufführungen und Wiederholungen füllen in allen europäischen Städten, außer den ganz zusammengeschossenen, die Theater. Kein Schmerzensschrei ertönt, den nicht ein quietschendes Gelächter und das mtata-mtata-Gedudel eines Orchesters begleitet. Blut fließt in Strömen und Theater-Lachtränen in Bächen. In Wien stehlen begeisterte Verehrerinnen Herrn Moissi einen Hut nach dem anderen, und wenn ein Tenor oder Bariton in der Philharmonie singt, suchen die entzückten Mänaden von Berlin W., diesen Orpheus zu zerreißen. Theaterdirektoren und Kinobesitzer können ihre Geldschränke nicht schnell genug vergrößern, und die Reihe der Wartenden vor den Villetschaltern der Theater sind länger, als die vor den Schokoladenläden. So bleiben die Menschen dieselben, während die Welt sich wandelt, kein Umsturz stürzt das Beharrlichste um, den Hedonismus, der nun doch einmal in 99V-> Prozent der Menschen steckt. Man soll nach dem Wort des Philosophen die Welt nicht belachen und nicht beweinen, sondern begreifen, und man muß begreifen, daß alles immer nebeneinander hergeht. Zum Beispiel: Herr Meyer, der ein energischer Schieber ist, macht, solange