76
Nein, man wird sich auch in der Ostmark mit jenem Wahlrecht für Staat und .Kommune abfinden müssen, um so mehr aber an Polizei und Schule als Stützen der Staatshoheit festhalten.
Below erwähnt noch kurz die deutsche Bauernbesiedlung. Ich gehe hier nicht darauf ein, so sehr ich ihr eifriger Anhänger bin, weil dies aus dem Rahmen der Antikritik herausfallen würde, die sich aus eine Abwehr der Angriffe beschränken muß. Aus demselben Grunde äußere ich mich auch nicht zu den Vorschlägen, die Below für Änderung des Landtagswahlrechtes macht.
parallelen äußerer und innerer Politik
er ehemalige Reichskanzler Dr. Michaelis, von dem man jüngst einen seltsam unpolitischen Sermon lesen konnte, erlebt in seiner Einschätzung der „Friedensresolution" vom 19. Juli eine Rehabilitierung als Politiker. Das seinerzeit berüchtigte: „so, wie ich sie auffasse" scheint jetzt zur stillschweigenden Klausel sämtlicher Par> teien geworden zu sein. Es sind in der Tat „Schattierungen der Auffassung" vorhanden. Die Reverenz vor dem ehemaligen „Geßlerhut", wie Oberbürgermeister Körte im Herrenhause jene Erklärung nannte, hat an Respekt beträchtlich verloren oder wird zum mindesten sehr „individuell" ausgeführt.
Von feiten des Zentrums erklärte der Abg. Trimborn auf dem Kölner Dclegiertentage der Partei ihre „völlig freie Hand" bei künftigen Friedensverhandlungen und die „Kölnische Volkszeitung" vom 9. April stimmt damit überein. Sogar „Organe" Erzbergers, wie das „Stuttgarter Deutsche Volksblatt", schreiben unter dem Motto „Gott strafe England" angesichts der Offensive: „England hat an die Entscheidung des Schwertes appelliert, nun gut, es hört sein Urteil". Da bekommt am Ende jener überschlaue Insulaner recht, der vor einiger Zeit den Vater der Verständigungsentschließung als einen höchst gefährlichen Intriganten im Dienste der Tirpitzschen Auslandspropaganda seinen Landsleuten abmalte!? Merke es dir, „Tägliche Rundschau"!
Die sozialdemokratische Mehrheitssraktion hatte sich bekanntlich bei der Entscheidung über den deutsch-russischen Friedensvertrag der Stimme enthalten. Anläßlich der letzten Wilsonrede antwortet aber auch ihr Berliner Offiziosus, der „Vorwärts", hart auf hart: „Entweder es gelingt in absehbarer Zeit den Krieg mit militärischen Mitteln zum Abschluß zu bringen, oder die Zukunft liegt dunkel vor uns". Später erklärte das Blatt gegenüber angeblich „mangelhaftem Verständnis" von alldeutscher Seite, man wolle keine Eroberungen, „gerade ein siegreiches Deutschland" müsse „im eigensten Interesse einen Frieden der Verständigung und Versöhnung schließen". Die „einzige" Hoffnung auf diesen Frieden wird aber doch in einem „durchschlagenden Siege im Westen" erblickt, und das sind wesentlich andere Töne, als man sie von Herrn Scheidemann trotz nachträglicher Klarstellungen gehört hat.
Aber auch der dritte fehlt im neuen Bunde nicht. „Es scheint uns eine Zeit hereingebrochen zu sein, in der die kosmopolitisch-pazifistische, gefühlsselige, glaubensbeschwingte Menschheitsphantasie.. . gegen den furchtbaren Ernst des Tages und der Stunde zurückzutreten hat", so inahnt die „Breslauer Zeitung", das führende Fortschrittsblatt Schlesiens, die Parteigenossen. Und aus ernsten Erfahrungen während des Krieges stammt die Erkenntnis: „Wir würden es wie eine Art schlimmen Landesverrates betrachten, wenn man hier (nämlich an der schlesischen Grenze) nicht Sicherheit für die Zukunft. . . schüfe".