Die Polenfrage als Problem der Reichspolitik
von Georg Lleinow
urch das preußische Herrenhaus, sonst beherrscht vom kühlen Verstände, der in vornehmer Ruhe und Gelassenheit vorgetragen wird, zitterte neulich etwas wie verhaltene Leidenschaft. Eine mühsam gezähmte Unruhe klirrte in den Reden der hohen und höchsten Herren. Die Stimmung war hochgespannt und wenn die beiden Mitglieder der Versammlung, die den persönlichen Mittelpunkt der Aussprache bildeten, ohne daß ihr Name fiel, an Ort und Stelle gewesen wären, so hätte man wohl mit einer scharf zugespitzten Erörterung der Polenfrage rechnen können, wie sie auch im Hinblick auf die zahlreichen sehr tüchtigen Kenner des Stoffes im Herrenhause nicht leicht in einer anderen Gemeinschaft geboten worden wäre. Aber weder der Generalgouverneur „in" Warschau, noch der Kurator der Warschauer polnischen Universität waren zugegen, und es ist gute Sitte des Herrenhauses, abwesende Mitglieder nicht anzugreifen. Im allgemein-politischen Interesse ist es auch bei dem vorliegenden Anlaß durchaus zu begrüßen, daß es so und nicht anders gewesen ist. Die Schuld des einzelnen an einer unerfreulichen Entwicklung politischer Vorgänge bestimmen zu wollen, solange diese Entwicklung noch im Fluß ist, überschreitet in den meisten Fällen die Fähigkeiten der Zeitgenossen, und die sogenannte Öffentliche Meinung, die jedes Parlament beeinflußt, besagt doch nur, was sie wünscht oder nicht wünscht; nur unter ganz besonderen Verhältnissen könnte sie als berechtigte Nichterin eine Schuldfrage für politische Persönlichkeiten sachlich entscheiden. Welches Maß von Schuld an der nachgerade zu einer brennenden Gefahr für das Reich ausgewachsenen Polenfrage die Exzellenzen von Beseler und Graf Hütten Czapski persönlich zu tragen haben, werden wir Lebenden kaum im vollen Umfange erfahren. Wenn die Stürme von heute längst vorübergerauscht sein werden und neue Bewegungen die politische Welt aufregen, dann wird es eine interessante Arbeit fleißiger Historiker und Archivare sein, die Schuldfragen unserer Zeit zu untersuchen und unseren Kindern zu beweisen, daß auch die besten Absichten der edelsten Menschen nicht genügen, um brennende Probleme ganz im Einklang mit den Interessen des Vaterlandes und den Wünschen der Zeitgenossen, denen sie ihre besten Kräfte weihen, zu lösen.
Grenzboten II 19t8 6