Randglossen zum Tage
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Randglossen zum Tage
An den Herausgeber
ir wollen, werter Herr, das Gespräch brieflich da aufnehmen, wo wir gestern abend die mündliche Unterhaltung abgebrochen haben, am Eingang zur deutschen Gesellschaft und bei dem Thema: gesetzgeberische, organisatorische, journalistische und andere Knegsschreck- nisfe. In der Deutschen Gesellschaft sieht man noch immer außerordentlich viel mehr Leute essen als lesen! Dabei ist ine Bücherei yeute beträchtlich besser, muß besser sein, als das Essen, ohne daß der Wirt, der sich alle Mühe gibt, etwas dafür kann. Jedenfalls hält das Menü und — und! — die Luft der Toleranz, die das Haus durchweht, die ver- schiedensten Parteien, Weltanschauungen, KriegZziele, Wahlrechtsthevrien, Klassen und Amter hübsch beisammen und macht das anderswo Unmögliche zur schonen Wirklichkeit, daß keiner den unbekannten andern, Hacken zusammenschlagend, bittet, SU gestatten, daß er der Regierungsrat X oder der Direktor Y sei und daß kemer die Kräfte, die die Kriegsernährnng und Paragraphen-Übertretung übrig läßt, daran setzt, den andern von Ansichten zu bekehren, du; falsch, ruchlos und staatsgefährlich sind. Dieser Klub der übereinkunftsgemaß respektierten Anschauungsgegensätze konnte nur in einer Zeit entstehen und gedeihen, in der jeder genug andere Sorgen hat und jeder neue Tag den Zwang bringt, soviel Zeitungen und soviel in der Zeitung zu lesen, daß keine Zeit und keme Beredsamkeit ausreicht, die Fragen in früher'gewohnten Bckehrungsdebatten auSzutragen. Zumal das Bier M einer geringwertigen Abart des Wassers geworden ist und die Zigarre von heute einen menschenleeren Raum um sich her erzeugt. Für ernstes Männergesprach al,o Zwei wichtige Voraussetzungen fast vernichtet sind. Längst sind uns und allen anderen Völkern die Wellen der gesetzgeberischen, finanziellen, wirtschaftlichen mid gastronomischen Fragen über die Köpfe geschlagen, längst knüpft kem Denker, kem Schreiber kem Redner, kein Gesetzgeber mehr Kette und Einschlag zu emem wohluberstchtlichen Gewebsmuster. Das Gesetz der großen Zahl regiert und daö Gehirn kann nicht mehr fassen als hineingeht. So gesellt sich Verordnung zu Verordnung und wo die Verordnung den Mißstand gebiert, bringt der Mißstand eine neue Verordnung. Das Mittel liniert nicht einmal das Symptom und i.edes neue Tausend Verordnungen häuft nur die Zahl der Rechtsverletzungen im Kleinleben deS Tages. Knecht und Magd, Bürger und Bauer, Geheimrat und Staatsminister Md an ihrer Mehrung mit gleicher Hingebung tätig. Ein nervenkranker Nechtskcmdidat, der sich am Abend vor dem Staatsexamen an dem berauscht hat. was man heute noch Bordeaux nennt, könnte, auch wenn er dabei Influenza hatte nicht träumen, was der Gesetzgeber im heutigen Deutschland fertig gebracht hat und taglich fertig bringt. Der Unterschied zwischen der Intensität der Gesetzgebung und der Extensität der Übertretungen ist heute bereits so groß, wie der zwischen verdienen und „Verdienen" bei den Kriegsgewinnlern. Erreicht wird diese gesetzgeberische Massenproduktion nnr noch von der Massenorganisation, die Nießer un Reichstag >° hübsch an einem charakteristischen Teile geschildert hat. Bisher war ein Mann, dein Gott ein Amt gab, froh, wenn er den Verstand nachgeliefert erhielt. Heute erhält ein einigermaßen maßgebender Mann zu einem Amt zwar ebensowenig Ucher wie früher den Verstand, gewiß aber ein Hotel uud 500 Herren und Damen an 500 Schreibtischen, vor 500 Schreibmaschinen und die freie Verfügung über eine Papiermenge, in die man die Erdkugel einwickeln könnte. Von den Fonds nicht zu reden. Junge Herren, die noch vor drei Jahren in ihrem amt- nchen Tätigkeitsbereich nicht selbständig über die Briefmarken verfügen durften, M-n mit Siegerlächelu täglich dem Steuerzahler eine neue Bürde auf. Die Leidenschaft der Amter, die Lust an organisatorischer Anhäufung von Einzelkräften An um der Organisation willen, um des bezaubernden Spieles mit einer riesigen Maschine willen, tobt sich aus in ungemessenen Orgien. Man zeige unseren Organisa- ^"»nzbotm I 101S 22