Maßgebliches und Unmaßgebliches
287
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Der Friedensschluß mit den Maxime listen. Fast drei Monate haben unsere Diplomaten dazu gebraucht, den Frieden mit den Maximalsten zustande zu bringen. Daß dahinter ein Friede mit ganz Rußland steht, kann mit gutem Gewissen nicht behauptet werden. Rußland, das will sagen jenes gewaltige Volkswirtschaftsgebiet, das von der Weichsel nach Osten bis an die Gestade des Stillen Ozeans reichte und zu einem Staate zusammengefügt war, besteht nicht mehr. Was an seiner Stelle entstanden ist, ist noch nicht definierbar; es ist drüben alles im Fluß. Die Wraina ist noch kein fertiger Begriff, sondern eher ein Wort, in das sich der Politische Begriff erst hineinbauen soll. Ober schließlich einen selbständigen Staat, einen russischen oder mitteleuropäischen Bundesstaat "der eine russische Provinz darstellen wird, vermögen wir noch nicht zu erkennen und, wenn wir ehrlich gegen uns selbst sind, so gestehen wir uns auch, daß Wir noch gar nicht klar darüber sind, was wir uns wünschen sollen. In der Politik soll man zweckmäßig das wünschen, was unabänderlicherweise kommen muß.
Ohne Frage wird zunächst die innerpoli- kische Auseinandersetzung weitergehen. Die Maximalisten können unmöglich Herren der Regierungsgewalt bleiben, wenn sie auch dem russischen Volk die Beendigung des Krieges Yachten. Den Frieden bringen sie ihm NichtI Dadurch verliert der Friedensschluß Naturgemäß sehr an politischer Bedeutung. ^ ist eigentlich vorerst ein militärisches Ereignis, das uns sehr erheblich entlastet, nicht vollkommen freimacht im Osten. Denn wollen bn'r die wirtschaftlichen Vorteile, die der Friedensschluß nach sich ziehen soll, nutzen, so bedürfen wir des sozialen Friedens auch ^ Rußland, muß die Auseinandersetzung zwischen der Ukraina und den Maximalisten beendet werden, muß die friedliche Entwicklung wenigstens der Ukraina sichergestellt sein. Daneben hat eine intensive Arbeit an den von der Armee noch besetzten Gebieten zu ^folgen. ES wird noch ein hartes Stück ^beit zu leisten sein, ehe sie zu dem Wunsche
gelangen, für „ewig" mit Deutschland vereint zu bleiben. Da aber hüte man sich, der nationalen Zugehörigkeit eine größere^ Bedeutung beizulegen, als es die Unistände erfordern. Die Liebe der Völker geht doch im wesentlichen dnrch den Magen, wird bestimmt durch die wirtschaftlichen Belange. Man zeige darum den Bewohnern der baltischen Provinzen, Weißrußlands und Litauens, daß sie größeren Bcrdienstmöglichkeiten entgegengehen, leichteren Arbeitsbedingungen, besseren Rechtsverhältnissen als bei Rußland oder in Selbständigkeit. Man vermeide Maßnahmen, die in erster Linie den Anschein des Opfers für die deutsche Sache haben!
Der beste Weg dazu wird sein die Förderung großer wirtschaftlicher Aufgaben, an denen das ganze Land beteiligt ist, Aufgaben, die zu Keimen und Trägern eines Staats- gedanlenö werden können. In solchem Staate wird die politisch und wirtschaftlich befähigste Nationalität die Führung übernehmen mit und gegen die Einflüsse Deutschlands oder Moskowiens. Wir sind überzeugt, daß das baltische Deutschtum in dieser Hinsicht eine bedeutende Rolle spielen mnß. Wirtschaftlich tüchtig, von hoher politischer Moral, in einem jahrzehntelangen Kampf gegen die Nnssifizie- rung politisch herangebildet, erscheinen die Volten als die natürlichen Führer des Landes. Sollte es gelingen, sie auch mit einem Tropfen sozialen Öles zu salben, so werden sie die ihnen noch einmal von der Geschichte übertragene Ausgabe ruhmvoll durchführen.
Der Friede mit den Maximalisten bedeutet wie gesagt noch nicht den Frieden mit Nußland. Aber er gibt uns Zeit und Raum zur Errichtung neuer Grundmauern für spätere friedliche und vertrauensvolle Beziehungen zu den Völkern des ehemaligen Nußland. Wie diese Grundlagen beschaffen sein werden, das aber wird in hohem Maße auch davon abhängen, wie unsre Armee im Westen die ihr bevorstehenden gewaltigen Aufgaben zu lösen imstande ist. Dort muß die weitere Vorentscheidung über deu Inhalt des künftigen Friedens auch mit den Russen fallen.
G. Lleinow