2 AH Aen« Bücher
Neue Bücher
Walther Ratheuau „Von kommenden Dingen". S. Fischer Verlag, Berlin 1917.
Als Fichte an einem Punkte der Wende in den aufrüttelnden Reden, die er „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters" nannte, seinerzeit den Weg in eine unahnbar neue Zukunft wies, deutete er diesen Umschwung aller Dinge als einen Aktwechsel eines großen geschichtsphilosophischen Dramas. Mit vernichtenden Worten brandmarkte er das Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit, zu dessen anschaulicher Ausmalung ihm die überstandene Epoche des schalgewordenen Auf- klärichts die Farben lieh, und die Tathundlung seiner Gedankensetzung empfand er mit wahrhaft prophetischein Selbstbewußtsein als den Schlüssel eines neuen Weltalters: deS Weltalters der anhebenden Rechtfertigung. Von dieser makro- kosmischen Betrachtungsweise, die das Zeitlichste unmittelbar in den Entfaltungsprozeß des Ewigsten einstellt, ist etwas in dem aufrührenden Buch „Von kom> menden Dingen", das uns ein führender Geist unserer Tage, ein Großorganisator dieses technischen Zeitalters. Walther Rathenau, geschenkt hat.
Es ist nicht absolut neu in seinen Grundgedanken. Die Verzweiflung an der Zeit als einem Weltalter zersetzender, atomisierender Mechanisierung, dieser gemeinsame Gefühlshintergrund der Doktrinen des George-Kreises, Sombarts, Schelers und vieler jüngeren Geistigen, ist uns vor allem auch an den eindrucksvollen früheren Schriften Rathenaus zum Erlebnis geworden. Neuer aber und in der gegebenen Fassung durchaus ursprünglich anmutend ist die starkmütige Hoffnung, diesen immer mehr ins Leere laufenden Prozeß einer wuchernden Zivilisation herumzureißen, das Relative doch wieder am Absoluten zu orientieren und so das in dieseni Krieg sich auseiternde Zeitalter verworfener Abgötterei von innen her zu durchgeistigen und zu beseelen: „das blinde Spiel der Kräfte zum vollbewußten, freien und menschenwürdigen Kosmos zu gestalten." Diese Schrift bricht mit bloßer „Kritik der Zeit", sie schreitet zum entschlossenen Bau an der Zukunft; sie analysiert nicht mehr bloß die „Mechanik des Geiste«", sondern will eine Technik der Durchseelung unserer Zivilisation bieten. Vom Ausgangspunkt wendet sie sich zum Ziel und weist in den Sondersphären der Wirtschaft, der Sitte und des Willens die Wege, die zu diesem Ziele führen.
Weniger als je kann die Besprechung eines solchen prophetischen Zeitbuches den Leser von seiner Lektüre entbinden wollen. Dieses Buch packt die zentralen Nöts der Gegenwart derart an der Wurzel, daß jeder, der sich für die Zukunft unseres Volkes, Europas, der Welt in dieser Schicksalsstunde irgendwie mitverantwortlich fühlt, an einer innerlichen und persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Gedanken in der Tat nicht vorbeigehen darf. Dabei ist diese Erörterung so reich an Ideen verschiedenster Dimension, daß ebensowohl der Philosoph wie der Empiriker, der Synthetiker wie der Techniker und Spezialist, der Jdeologe wie der Pragmatiker das Seine findet. Sie alle sollen an die Quelle unmittelbar gewiesen sein. Hier sei nur eine Beleuchtung einiger herausgegriffener Grundfragen versucht.
Der Siegeslauf der Lebensmechanisierung, dessen wir alle Zeuge sind, ist durch die Gegenvewegung der Romantik, die sich seit hundert Jahren ihm ent-