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Die neue Wendung der polnischen Frage : September bis Dezember 1917
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54 Randglossen zu Liest-Litowsk

können. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt wenige Tage später (9, Oktober) ein Artikel in „Mitteleuropa". Auch er verweist darauf, daß ein vollständig sich selbst überlassener polnischer Staat uns gefährlich werden könnte, besonders wenn er auch ruthenische, weißrussische und litauische Gebiete umfassen würde. Eine An- gliederung an Deutschland sei undurchführbar. Denn Polen kann kein deutscher Bundesstaat werden; die Verbindung mit einer Personalunion führt zu nichts! die Entsendung eines deutschen Fürsten nach Polen ist durchaus keine Bürgschaft für die Politik eines sonst selbständigen Polens. Ein neutralisiertes Polen würde das Schicksal finden, wie die seinerzeit am Wiener Kongreß errichtete Republik Krakau. So bliebe noch die Möglichkeit! Polen dem österreichisch-ungarischen Staate anzufügen.*)

Wie man sieht, kehren diese Vorschläge dazu zurück, was in Österreich schon lange als der gangbarste Weg bezeichnet wurde. Ich habe das schon in „Polen und ?ie polnisch-ruthenische Frage" (Leipzig 1916) angedeutet, soweit es die Zensur möglich machte, und in dieser Zeitschrift (Nr. 29 dieses Jahres) als den gang­barsten Weg bezeichnet, von dem der Akt des 5. November 1916 abwich. Wie es dazu kam. möchte ich auch gegenwärtig unerörtert lassen. Ob die Schuld ganz Beth­mann Hollweg trifft, oder ob es richtig sei, daß eine schon im November 1915 von Deutschland geplante Ordnung im Sinne der jetzt wieder aufgenommenen Form durch Ungarn verhindert worden sei, das die von Deutschland geforderten Garantien nicht bieten wollte, wird sich erst in Zukunft zeigen (siehe Grazer Tagespost 2. November 1917).

(Schluß folgt).

Randglossen zu Brest-Litowsk

!ie Vorgänge in und um Brest-Litowsk finden eine blitzartige Ve- ^ leuchtung durch die in der sogenannten alldeutschen Presse („Rheinisch- ! Westsälische Zeitung", „Deutsche Zeitung", „Post", Berliner und ! Leipziger „Neueste Nachrichten") am Sonnabend und Sonntag ver­breitete Nachricht, daß der Erste Generalquartiermeister der Armee Generalleutnant Ludendorff „wegen Brest-Litowsk" sein Rückirittsgesuch eingereicht habe. Aus einer amtlichen Ableugnung geht hervor, daß ein solches Rücktritts­gesuch nicht vorliegt, soll wohl heißen, daß es nicht mehr vorliegt. Denn eine Nachricht von solcher die Stimmung aufpeitschenden und zugleich zermürbenden Tragweite, wie die vorliegende, wäre von einer verantwortungsbewußten Presse nicht verbreitet worden, wenn sie nicht tatsächlich der Wahrheit entspräche. Ludendorffs Entschluß scheint bei oder nach dem Kronrat vom 6. Januar erörtert worden zu sein. Unsere Lage in Brest-Litowsk hatte sich in der Tat so zugespitzt und wird durch die Haltung der „Mehrheits"-Presse weiter so auf des Messers Schneide gehalten, daß es nur erklärlich erscheint, wenn General Ludendorff sein

*) Wir machen auf die Stellungnahme unseres Herrn Herausgebers zur Lösung des Polnischen Problems in Heft 49 der Grenzboten t9I7 aufmerksam. Die Schriftleitung.