Beitrag 
Mitteleuropa : eine Bücherbesprechung
Seite
39
Einzelbild herunterladen
 

Das Ernährungssystem auf der Anklagebank

39

geht, sich selbst in den Stand setzen, in wenigen Stunden anregender Lektüre das ganze so wichtige wirtschafts-politische Zentralproblem unsrer Zukunft zu über­blicken, er kaufe nur die vier in diesem Aufsatz empfohlenen Schriften der Reihe nach, wie es angegeben ist. Das Lesen der Schrift Naumanns wird sie aber um so mehr interessieren, als sie nun befähigt sind, seinen Gedankengängen kritisch zu folgen, was ja bei einem so glänzenden Schriftsteller immer seinen eigenen Reiz hat. Aber dem Leser werden aus der bisherigen Darstellung der Literatur mehr oder minder nebelhaft auch die Hindernisse emporgewachsen sein, die der Verwirklichung jedes mitteleuropäischen Wirtschaftsbündnisscs entgegenstehen, geschweige denn allen den Projekten, die über einMitteleuropa" zu denVereinigten Staaten von Europa" hinsteuern. Von diesen Hemmnissen nur so viel: man vermeide in Politik und Presse das mitteleuropäische Ziel mit neuen und unnatürlichen Hemmnissen zu belasten. Will die ZeitschriftMitteleuropa" wirklich dieser schönen Aufgabe dienen, so höre sie auf, Propaganda für die österreichische Lösung der Polenfrage zu treiben. Der Schlüssel zur Lösung unseres Problems liegt in Auflösung, einmal der wirtschaftlichen Spannung zwischen Osterreich und Ungarn und daneben in der Beseitigung des Pessimismus bei den Deutschen Österreichs. Wollte die ZeitschriftMitteleuropa" über diese schwierigen Dinge als unbefangener und sorgender Freund allseitig und sachlich berichten, sie würde nicht nur eine grofze Lücke in der Literatur ausfüllen, sondern sich auch am dereinstigen Zustandekommen Mitteleuropas ein unschätzbares Verdienst erwürben.

Das Grnährunassystem auf der Anklagebank

von Professor wittschewsky

as abgelaufene Jahr lag schon in den letzten Zügen, als es unserem Ernährungssystem hinterrücks noch einen Hieb versetzte, der mehr Genugtuung als Bedauern auslöste. Denn die Unzulänglichkeit der Ernährungspolitik hatte zu lange wie ein Alp auf uns gelastet, um seine öffentliche Bloßstellung nicht wie das Schuldgeständnis einer alten Sünderin schadenfroh zur Kenntnis zu nehmen. Die Rache eines Jahres der Unterernährung erscheint der ungeheuren Mehrheit der Reichsbevölkerung wie eine längst herbeigewünschte Quittung über begangene Fehler und geduldete Ver­säumnisse, wie ein zeitgemäßer Anruf an die Anwälte des Volkswohles, zuzu­schauen, daß das gefährdete Ernährungswesen nicht in noch schlimmere Verhängnisse hineingerät. Die bekannte Beschwerdeschrift des Neuköllner Magistrats über seine höchst bedauerlichen Erfahrungen bei seinem nicht ganz einwandfreien Kampfe um