324
Rolonialverluste nnd Kriegsziele
Aolonialverluste und Ariegsziele
von Professor Dr. I. Hashagen
eit der Mitte des Jahres 1917 haben sich die Grenzen der europäischen Kriegskarte von neuem in der überraschendsten Weise zugunsten der Mittelmächte verschoben. Im Nordosten und im Süden sind ihnen Eroberungen gelungen, hinter denen der geringfügige, mit maßlosen Opfern erkaufte westmächtliche Geländegewinn im Schatten versinkt. Dies schreiende Mißverhältnis kann durch keine verbands- fromme Schönfärberei mehr verdeckt werden.
Aber es gibt auch eine außereuropäische Kriegskarte, und deren Bild sieht für den Vierbund weit ungünstiger aus. Man könnte sogar meinen, es sei ein schwarzes und trostloses Bild, und es habe nur noch einige wenige Lichtpunkte aufzuweisen. Selbst wenn man nämlich von den äußerlich nicht sofort sichtbaren, weil örtlich nicht immer greifbaren schweren und teilweise unersetzlichen Verlusten an Handel und Prestige, an weltwirtschaftlichem und weltpolitischem Einflüsse absieht, die Deutschland dort draußen erlitten hat, so sind doch auch schon die örtlich greifbaren, deutschen überseeischen Verluste außerordentlich empfindlich! Die deutschen Kolonien sind sämtlich den räuberischen und mörderischen Feinden zum Opfer gefallen. Damit sind natürlich nicht nur kostbare Affektionswerte zerstört, sondern auch die höchsten materiellen Werte.
Zu diesem bittersten Kerne deutscher Kolonialverluste kommen ferner eine Reihe weiterer schwerzlicher Einbußen, die zwar zu den Kolonialverlusten im engsten Sinne nicht mehr gerechnet werden können, aber in ihrem weiteren Bereiche doch nicht gut zu übersehen sind. Eine beträchtliche Anzahl von souveränen oder Halbsouveränen Staaten, auch von fremden Protektoraten, zu denen das Deutsche Reich im Frieden freundliche Beziehungen unterhielt, sind ihm jetzt infolge der Wühlarbeit des angelsächsischen Weltbundes für längere Zeit oder für immer verschlossen, oder sie haben sich sogar mit besonderer Feindseligkeit gegen die deutsche Sache gewandt. Nicht nur Marokko und Liberia gehören hierher, sondern auch China und eine lange Reihe südamerikanischer Staaten. Fast überall haben die Deutschen schwere Einbuße erlitten, die durch die .Kolonialverluste im engeren Sinne nur noch verschärft wird, nicht minder durch die immerhin doch auch örtlich greifbare Verdrängung der deutschen Handelsflagge von den außereuropäischen Meeren.
Die letzte und nicht die kleinste Reihe solcher außereuropäischer Verluste wird durch die Eroberungen gebildet, die den Engländern und selbst den Russen auf dem Boden des Osmanischen Reiches gelungen sind. Die beiden großen zukunftsreichen türkischen Bahnen, an denen Deutschland mit seinem Kapital, seinem technischen Können und seinem weltpolitischen Prestige vor allem beteiligt ist, die Bagdadbahn und die Hedschasbcchn, haben die türkischen Mißerfolge an den Reichsgrenzen auf die Dauer nicht aufhalten können, sind vielmehr selbst von ihnen in peinlicher Weise in Mitleidenschaft gezogen worden- die Bagdadbahn jetzt ohne Bagdad und die Hedschasbcchn ohne Hedschas. Indirekt wird man auch darin außereuropäische Verluste Deutschlands erkennen müssen.