272
Der belgische Staatsnationalismus
im Begriffe, reaktionär zu werden, wie man an den Kriegszielen der Westmächte, die auf Wiederherstellung dringen, ganz deutlich sehen kann. Konservativismus und Sozialismus aber, die bei uns in mancher Hinsicht verwandter sind, als sie selber wissen, können heute, wenn sie die Stunde recht begreifen, gerade zu Trägern echten Fortschrittes werden, wie sie es schon in Bismarcks vorbildlicher Person waren. Die Gefahr für beide ist es einerseits einer Verhärtung in unfruchtbarem Radikalismus zu verfallen, andererseits vom Liberalismus, der gerade den Höhepunkt seiner geistigen und politischen Macht überschreitet, angeähnelt und in seinen Niedergang mit hineingerissen zu werden. Die großen inneren Fragen des Konservativismus, der heute so gut eine Krise durchmacht wie die Sozialdemokratie und der Liberalismus, gehören hier nicht in unseren Zusammenhang. Die Arbeiterschaft als solche wird nur mittelbar davon berührt. Auch auf die geschichtlichen Vorläufer der durch die Stunde stürmisch geforderten national-sozialistischen Arbeiterbewegung, in deren Reihe besonders Lassales ehrend zu gedenken wäre, kann auf diesem engen Raum nicht eingegangen werden. Dagegen hat uns nun die Betrachtung so weit gefiihrt, daß wir in einem folgenden Aufsatz auf den Krieg und seine unmittelbaren Einwirkungen auf die Zukunftsfragen einer nationalen Arbeiterschaft zu sprechen kommen können.
Der belgische Staatsnationalismus
von Dr. Karl Buchheim
m zweiten Teile des Faust läßt Goethe den Homunkulus auftreten, den künstlichen Menschen, der durch die Retorte in die Welt gesetzt ist und nun gern wie ein natürlicher Vollmensch werden möchte. Man schafft nicht ungestraft Organismen außerhalb der natürlichen Entstehungsbedingungen. Darüber hat niemand treffendere Erfahrungen gemacht als die europäische Diplomatie. Denn auch Staaten sollen Organismen sein, und die Homunkuli unter ihnen, die in der diplomatischen Retorte erzeugt sind, leben sich und anderen nicht zum Segen. Das hat sich an dem neutralisierten Königreiche Belgien gezeigt. Zwei Volkstümer umschloß es in seinen Grenzen, und keines von beiden hatte diesen Staat auf natürliche Weise gewollt und geschaffen. Die Wallonen neigten von jeher zu Frankreich und die Flamen hatten überhaupt wenig politischen Schöpferwillen. Sie hängen an ihrer volkstümlichen Tradition und an den Freiheiten ihrer lokalen Autonomie. Ja eine sich, besonders gebildet dünkende Oberschicht hielt es für ein Zeichen wahrer Kultur, ebenfalls zu Frankreich zu neigen. Zweimal, unter dem Bürgerkönig und