polnische Irrungen
von Georg Llcinow
um zweitenmal in kurzer Zeit hat der Herr Generalgouverneur von Warschau. Exzellenz von Beseler, diesmal in einer an deutsche Reichstagsabgeordnete gerichteten Rede auf die „unermeßlichen Schwierigkeiten" hingewiesen, mit denen seine Verwaltung in Polen zu kämpfen habe. „Es kommt hinzu, daß infolge der ganzen Entwicklung — oder richtiger gesagt Nichtentwicklung —. die das Land gehabt hat. ihm im wesentlichen noch diejenigen Kreise und Kräfte fehlen, die dazu nötig sind, ein geordnetes Staatswesen zu leiten. Wir haben ihm die Hochschulen gegeben und uns im höchsten Grade die Fürsorge für sie angelegen sein lassen. Leider haben wir eine schlechte Quittung darauf bekommen. Politische Machenschaften haben sich der Studenten bemächtigt, so daß sie uns schließlich erklärten, sie wollten mit einer deutschen Behörde nichts zu tun haben."
In Heft 39 der „Grenzboten" wurde die Behauptung aufgestellt, schuld an dem Fiasko, das die deutsche Politik in Polen erlitten habe, sei in erster Linie die Übergabe der polnischen Volksschule an den bekannten Schulverein Naeier? Der Gründer und geistige Leiter der ^aeiLr? 82lcü!na
Antoni Ossuchowski hat nämlich im Jahre 1908. das ist nach der Auflösung durch die russische Regierung des 1905 in Warschau ins Leben gerufenen Vereins, in der russischen Presse einen Aufsatz veröffentlicht, den ich nunmehr dem deutschen Leser zur Kenntnisnahme unterbreiten möchte, weil er gewissermaßen das Glaubensbekenntnis des polnischen Lehrerstandes, der in seiner überwiegenden Mehrheit zur national-demokratischen Partei gehört, darstellt.
Ossuchowski schreibt wörtlich:
Die Auffassungen des polnischen Volkes über die polnisch-deutschen Beziehungen sind durchaus einheitlich. Dagegen gehen sie in den breiteren russischen Kreisen sehr auseinander, wovon man sich leicht aus den verschiedenen Äußerungen überzeugen kann, die früher und jetzt in der Presse laut werden. Grenxboten IV 1917 1