Die Stellung des höheren Lehrerstandes im geistigen Leben der Gegenwart und der Zurunft
von Paul Sickel
er von der hohen menschlichen Bedeutung des Erzieherberufes durchdrungen ist, wird, wenn er die Geschichte des Lehrerstandes durchblättert, mit Erstaunen, ja mit einer gewissen Beschämung den schreienden Widerspruch bemerken, der bis in die jüngste Vergangenheit zwischen der idealen Aufgabe und den tatsächlichen äußeren Lebensverhältnissen der Lehrenden bestanden hat. Während der Geistliche, der Richter, der Arzt trotz der für unsere Begriffe oft bescheidenen Leistungen Uch schon früh einer hohen sozialen Achtung erfreute, haftete der Tätigkeit des berufsmäßigen Jugendbildners noch etwas von der untergeordneten Stellung des griechischen „Pädagogen" an. Drückende wirtschaftliche Verhältnisse, Mangel an Anerkennung für eine meist aufreibende Arbeit, dazu geringes gesellschaftliches Ansehen haben den Lehrberuf jahrhundertelang zu einem wenig beneidenswerten gemacht. Nicht nur die Volksschullehrer seufzen unter der Last eines kümmerlichen Daseins. Auch der höhere Lehrerstand litt unter solchen Mißständen, ja hat es bis in die Gegenwart nicht vermocht, den Druck einer schweren Vergangenheit ganz zu überwinden. Und als sich schließlich die äußeren Verhältnisse des Standes nach langen Kämpfen einigermaßen gebessert hatten, konnte man des errungenen Erfolges doch nicht so recht froh werden. Denn die allgemeine Unzufriedenheit mit dem modernen Unterrichts- und Er- Ziehungswesen der höheren Schule hatte mittlerweile in der Öffentlichkeit eine gereizte Stimmung gegen deren Vertreter erzeugt, die von Haß oft nicht allzu weit entfernt war. In der Romanliteratur läßt sich der Wandel der Anschauung über den Gymnasiallehrer leicht verfolgen. Spielte er früher meist die Rolle des gelehrten, vielleicht weltfremden, aber durchweg wohlwollenden >mgendbildners, so wurde er neuerdings gern als der einseitige, ja geradezu beschränkte und mit allen möglichen Untugenden behaftete Schulmeister und ^ugendtyrann dargestellt. Man erinnere sich nur, was für ein abschreckendes Bild des Schulbetriebes und der Lehrerpersönlichkeiten in einem literarisch so bedeutsamen Werke wie Thomas Manns „Buddenbroocks" entworfen wird. Mögen derartige Schilderungen auch auf vereinzelten persönlichen Erfahrungen beruhen, die mit künstlerischer Freiheit verallgemeinert und übertrieben wurden.