Universität und Gymnasium
von Gymnasialdirektor Dr. Grünwald
ine im Anfang dieses Jahres von sechsundsechzig Leipziger Professoren ausgegangene „Erklärung" hält es für bedenklich, daß „sich in steigendem Maße auch Abiturienten von Oberrealschulen und Realgymnasien auf der Universität geisteswissenschaftlichen Fächern zuwenden, für deren gründliches Studium Kenntnis des Lateinischen unentbehrlich, Kenntnis des Griechischen entweder unentbehrlich oder doch höchst erwünscht sei", und besagt am Schlüsse, daß die Unterzeichner „in den neuerdings wieder hervortretenden Bestrebungen, durch Abschaffung oder wesentliche Beschränkung des Unterrichts in einer der klassischen Sprachen die Eigenart des humanistischen Gymnasiums zu zerstören, eine Gefahr für die Zukunft unseres deutschen Geisteslebens erblickten". Dieser Erklärung haben sich in den folgenden Monaten etwa vierhundert andere deutsche Hochschullehrer angeschlossen. Es ist nicht das erstemal, daß die Universitäten, um der bedrohten Schulgattung beizuspringen, „auf der ganzen Linie mobil gemacht haben": schon zur Zeit der ersten Berliner Schulkonferenz traten über achthundert ihrer Dozenten — darunter an hundert Theologen, mehr als siebzig Juristen, über hundert Mediziner und von der Berliner Universität allein dreißig Mathematiker und Naturwissenschaftler — für die Beibehaltung „der Grundzüge des Lehrplans unseres humanistischen Gymnasiums als eines wertvollen Gutes unserer nationalen Bildung" ein. Der scheinbar starke Rückgang der Stimmen in rund dreißig Jahren darf nicht zu voreiligen, dem Gymnasium abträglichen Schlüssen führen: im Felde stehende Dozenten waren für die Unterschriftensammler nicht erreichbar; einige Universitäten haben offenbar nur Professoren um ihre Meinung gefragt; andere, wie Gießen und Göttingen, hatten erst vor wenigen Jahren ihren Sympathien für das Gymnasium Ausdruck gegeben; endlich steht vielleicht die Zustimmung der einen oder anderen Hochschule zu der Leipziger Erklärung noch bevor. Die auf jeden Fäll bleibende Differenz könnte bedeuten, daß bei den Hochschullehrern die noch 1912 im Herrenhause vom preußischen Kultusminister als Zukunftsaufgabe der Universitäten ausgesprochene Einstellung auf die aus Ncal- und Gymnasialschülern gemischten Zuhörerkreise Fortschritte macht — was wiederum der von Jahr zu Jahr steigenden Besuchsziffer der Realanstalten entspräche.