Deutsche Demokratie
von Dr. Aarl Hoffmann
s gibt keine eindeutigen politischen Begriffe, die in gleicher Weise überall dasselbe bedeuten und einen unmißverständlichen Sinn haben. Sie sind in Wahrheit bloß Formeln für lebendige Kräfte. Weil es so ist, versteht jede soziale Schicht und Nation aus dem Charakter ihrer ursprünglichen Lebenstriebe heraus unter ihren politischen Begriffen oder Idealen etwas anderes und eigentümliches; und eine Verständigung darüber zwischen den Völkern oder Parteien wird mit Worten schließlich unmöglich. Nur das Wirken der Kräfte selber kann erst entscheiden.
In seiner Kongreßbotschaft über die Kriegserklärung hatte der Präsident Wilson einen Unterschied zwischen der deutschen Negierung und dem deutschen Volke gemacht. Er versuchte, dieses gegen jene auszuspielen. Will man hier nicht nur eine schlau gedachte, aber dumm angelegte Ranküne vermuten, sondern dem auf keinen Fall unbedeutenden Staatsmanne bona Me8 zubilligen, so hätte dieser Versuch zu bedeuten gehabt, daß das „Freiheitsgefühl" oder das wirkliche, seiner selbst innegewordene Nationalgefühl des deutschen Volkes, daß seine vom amerikanischen und angelsächsischen Standpunkte aus allein echte Staatsgestnnung aufgeweckt werden sollte gegen eine Herrschaftsform, die ihr widerspricht. Doch der spöttische Hohn, an dem der Eindruck dieser verführerischen Beredsamkeit ohne Wirkung zerschellte, hat es der Welt und Wilson bestätigt, wie sehr ihm das tiefste Wesen unseres Staatsgefühles fremd blieb und fremd bleiben muß. Sein Versuch mußte mißlingen, weil überhaupt der deutsche und der angelsächsische Nationalgedanke etwas Verschiedenes ist.
Allerdings gibt es zwischen dem Nationalgedanken an sich und dem Freiheitsgefühl eine innere Verbindung. Aber diese Verbindung erstreckt sich sozusagen nur auf das Gebiet der äußeren Politik. Denn das Freiheitsgefühl im nationalen Gedanken betrifft die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des eigenen Volkes gegenüber den anderen. Sobald es sich nach innen kehrt, beginnt schon das Grenzboten II 1917 SS