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Zweiter offener Brief an Herrn von Heydebrand und der Lase
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Zweiter offener Brief an Herrn von Heydebrand und der Läse

von Dr. Friedrich Thimme

ohm ist unter Ihrer Führung die konservative Partei geraten?

Es besteht die dringende Gefahr, daß sie den inneren Zu­sammenhang mit ihren beiden ursprünglichen Basen, mit Thron und Altar, Monarchie und Christentum zum guten Teil verliere. Gewiß, die konservative Partei erklärt noch immer, an beiden fest und unerschütterlich festzuhalten, sie will auch nicht das kleinste Tüttelchen der Thronrechte aufgegeben sehen, und ihr Programm stellt bis auf den heutigen Tag diepraktische Betätigung der christlichen Lebensanschauung auch in der Gesetzgebung" in den Vordergrund. Aber es kommt nach den biblischen Worten uicht auf das Bekenntnis, sondern auf die Tat, nicht auf den Buchstaben, sondern auf den lebendigen Geist an. Und welches ist denn der wahre Sinn der Monarchie von Gottes Gnaden, die die konservative Partei nach dem Tivoliprogramm unangetastet wissen will? Doch sicherlich nicht der. daß der Monarch in einem mystischen Verhältnis besonderer Berufung und Erleuchtung durch Gott steht, sondern der, daß die Krone ihr Amt nach den Richtlinien, wie sie Gott in seinem Worte klar und erkennbar für immer gegeben hat, mit anderem Worte, nach göttlichem Vorbilde ausübt. Vor Gott aber sind sämtliche Menschen gleich, ohne irgendeinen Unterschied der Geburt, des Standes oder gar des Besitzes; vor Gott ist der Geringste wahrlich nicht weniger geachtet wie der Höchste; läßt er doch seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und regnen über Gerechte und Ungerechte. Vor Gott bedeutet das willige Scherflein der armen Witwe unvergleichlich viel mehr als die kostbarsten Gaben der Reichen; überhaupt gilt die Verheißung des Evangeliums ganz vorzugsweise den Entrechteten und Armen: die letzten werden die ersten und die ^sten werden die letzten seinl Wir dürfen mit Freuden konstatieren, daß diese innere und durchgeistigte Auffassung des Gottesgnadentums, die einzige, die in Grenzboten II 1917 21