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Der Brüsseler Boulevard während des Arieges
von Dr, R. Schacht
enn man vom Brüsseler Boulevard spricht, so versteht man darunter weniger jene prächtige Promenade, die, der früheren Umwallung folgend, vom Nordbahnhof ansteigt zum Botanischen Garten und sich an Schloß und Justizpalast vorbei bis zum Haler Tor erstreckt, sondern vorzugsweise die breite, im wesentlichen in den siebziger Iahren geschaffene gerade Verbindungsstraße zwischen Nord- und Südbahnhof. Als Straße an eigenartiger Schönheit und Geschlossenheit mit den Pariser Boulevards, schon weil ihr die Bäume fehlen, nicht zu vergleichen, ist sie in Friedenszeiten durch das Nebeneinander von Jnternationalität und dem aus jeder Seitenstraße dazwischenbrodelnden provinzstädtischen Kleinleben für den Beobachter von eigenartigem Reiz. Die Unterschiede aber, die dieses Bild im Vergleich mit dem jetzigen Anblick des Boulevards aufweist, bilden einen guten Maßstab für die Veränderung, die mit der Stadt während des Krieges vor sich gegangen ist.
Das erste, was einem jetzt auffällt, gleichsam ein Symbol dafür wie die Lebensmittelfrage unabweislich alle anderen Bedürfnisse zurückdrängt, ist die für eine Prunk- und Verkehrsstraße gewiß ganz ungewöhnlich große Zahl von — Schlachter- und Wurst-varenläden. Wie man auf den ersten Blick sieht, handelt es sich fast durchweg um neu eingerichtete blühende Großbetriebe. In geschickt aufgemachten Schaufenstern wird hier durch große gleichförmige Massen ein die Kauf- und Eßlust anregender Überfluß vorgetäuscht, der in Wirklichkeit leider nicht vorhanden ist. Denn schon die Auslage der jüngsten dieser Niederlagen mit dem bezeichnenden Namen „Lnacutsrie naturelle (!) cku don vieux temps" belehrt uns, daß die leckere Aufmachung z. B. der vorgekochten Schüsseln und kalten Platten zwar geblieben ist, daß aber die Preise mindestens das Dreifache gegen Friedenszeiten betragen, während bei Schinken, Speck, Würsten und dem riesigen Schmalzgebirge in ihrer Mitte — schon seit Monaten — die Preise weggelassen sind, weil sonst einfach überhaupt kein Mensch mehr einen Fleischerladen betreten würde. Wenn also hier und da in der deutschen Tagespresse behauptet worden ist, in Belgien herrsche noch gewaltiger Überfluß, so beruht das aus ganz oberflächlicher Orientierung. In Wirklichkeit ist die Bevölkerung durch das im Einvernehmen mit dem bisher spanisch-amerikanischen Hilfskomitee arbeitende Comite National genau so rationiert wie in Deutschland, und von der Einführung der Fleischkarte hat man nur deswegen absehen müssen, weil bei einer