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Die Eigenart der germanischen Weltanschauung
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Ginge es nach der Majorität der Stimmen, so würde die klassische, rationalisierende Weise den Vorrang haben. Es sind viele Gründe praktischer und ästhetischer Art. die verlocken, die Welt als ein einheitliches, harmonisches Gebäude zu denken. Und dennoch stößt sich der tiefer bohrende Geist an dieser Klarheit, die eben doch nur eine künstliche ist. die nur eine Auswahl aus der Gesamtheit des Seins gibt und den Rest verschweigt. So mußte neben der klassischen jene andere Weltanschauung aufkommen, die auch den irrationalen Hintergrund hinter der schönen Ordnung des klassischen Geistes hereinbezieht, und mit Recht gelten darum diese Denker als die tieferen. Wir haben hier jene Reihe aufgezeigt, die wir zusammenordneten als die gotische Reihe und die bei aller Verschiedenheit im einzelnen doch durchgehende Gemeinsamkeiten aufweist (der orientalisch-asiatische Irrationalismus, ein Typus für sich, ist völlig anderer Natur). Es liegt im Wesen dieser Geistesart. daß sie nicht so leicht verständlich, nicht so ästhetisch verlockend sein kann wie die klassische. Die Werks der von uns als gotisch gekennzeichneten Denker sind schwerer zu lesen, weniger gerundet und im einzelnen geklärt als die der anderen. Aber es sind die tiefsten Brunnen nicht, auf deren Grund man in voller Klarheit jedes .Steinchen erkennen kann. Es mag sein, daß die geringere Klarheit dieses Dmlens zuweilen auch von schriftstellerischer Nachlässigkeit herrührt: bei den besten Köpfen tut sie das nicht. Aber es ist keine kleine Aufgabe, mit den rationalen Begriffen der Sprache dem Irrationalen nahe zu kommen. Daß dieses Bestreben nur ein Nahekommen, nie ein volles Erreichen ist. kann nicht wlmder nehmen. Es war von jeher der Stolz des Gotikers. lieber ein Un­endliches zu versuchen als in der bequemen Endlichkeit sich zufrieden zu geben.

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vis ^xoaäs sure» «tos ^oodlls cke Vorsxme. Deutsch von Richard Benj. l Band. Kartonniert M. 23.. Jena. Eugen Diedenchs.

Wer hätte sich vor zwanzig Jahren noch träumen lassen, daß unter uns die HeMgenlegende des Mittelalters zu neuem Leben erweckt werden sollte? Lange gvrmg war sie frommen Herzen ein Ärgernis und Welsen Hoyawrn eine ^orueu gewesen, bis eine vorurteilsfreie Geschichtswissenschaft in ihnen eme kulturgeschichtliche Quelle vornehmster Ordnung erkennen lernte! Hier fühlen wir den Menschen des Mittelalters gleichsam den Puls und tun einen tiefen Trunk aus dem Born der Vorzeit mit ihrem Glauben und Streben, ihrem Hoffen und Langen. Aber der Faden der Überlieferung ist seit langem abgerissen; und die vornehmste, reichste, einheitlichste, für dieDichtung und bildende Kunst des Mittelalters ergiebigste Samm- Kmg von Heiligenleben, die der Erzbischof »on Genua, ^acobus de Bomgine (1230-98). verfaßt hatte, war niemals vollständig und treu ms Deutsche übersetzt worden und hat bis heute keine recht befriedigende Ausgabe des lateinischen Urtextes erlebt. Der Forscher selbst konnte den letzten Abdruck vo« Graste nur sehr schwer Mftrsiben und auch dann den eigenen Gefühlswerten dieses Mittellateins, seiner Wortwahl und seinem Satzbaü vom Boden der klassischen Sprache aus mcht gerecht werden. Dem Laien vollends blieb dieseGoldne Legende", wie das