Die Pforte zur Wahlrechtsreform in Prenßen
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einzig und allein die Befürchtung, daß die Linke die Gelegenheit benutzen würde, um alle Volksleidenschaften in einem Moment aufzuwühlen, wo es mehr wie je gilt, in der Endphase des Krieges die seelischen Kräfte des Volkes zu höchster Einheit nnd Geschlossenheit zusammenzuhalten und immer noch mehr zusammenzufassen. Die Linke hat es in der Hand, dem Kanzler diese Furcht zu nehmen. Großes könnte die Linke erreichen, wenn sie heute und morgen — es braucht ja nicht für immer zu sein — in dem einen Punkte des Reichstagswahlrechts Selbstbescheidung übte: ein Wahlrecht, das mit dem unglückseligen Klassenstandpunkte, dem, Fluch des preußischen Wahlrechts, und mit seinem Mammonismus aufräumte, das wirklich das individuelle Gewicht einer jeden Stimme, auch der des ärmsten Arbeiters nach sozialen und humanen Gesichtspunkten zu erfassen sucht, und das demnach turmhoch über dem bisherigen Wahlrecht steht. Es scheint mir auch kaum einem Zweifel zu unterliegen, daß die Regierung sich bereit finden lassen würde, eine solche Reform mit einer Neueiuteilung der Wahlkreise zu verbinden, die dem Elend der großen Riesenwahlkreise nach den Vorschlügen des Abgeordneten David abhilfe. Wäre das alles nicht die Zurückstellung eines Dogmas wert, das heute sich überhaupt nicht, und wenn dennoch, auf jeden Fall nur unter den schwersten Erschütterungen unseres staatlichen und Verfassungslebms durchführen läßt?
Mir scheint, die Linke steht heute vor einem Scheidewege. Nicht der Grundsatz: „Alles oder nichts" kann ihr und unserem VaterZande Heil bringen, sondern nur die ruhige Abschätzung der vorhandenen Möglichkeiten und entsprechendes Handeln. Möge sie den Weg durch die enge Pforte finden; es wird auch hier sich bewahrheiten, daß er zum Leben führt!
Die Eigenart der germanischen Weltanschauung
von Dr. Richard MiMer-Freienfels
eine philosophische Frage hat die Denker fast aller Kulturländer im ersten Jahrzehnt unsers Jahrhunderts so lebhaft erregt, wie die von Amerika aus als erkenntnistheoretisches Streitobjekt zwischen sie geschleuderte Pilatusfrage: Was ist Wahrheit? Eine Unzahl von Federn geriet in Bewegung, auf Kongressen und in Vereinen entbrannte der Rcdekamps. akademische Preise wurden ausgesetzt, um sie zu lösen. Was erreicht wurde, war — wie so oft in philosophischen Diskussionen — nicht eine Lösung, aber eine ganze Reihe von solchen, deren jede eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich gewann. Vielleicht dünkt dem naiven Betrachter,