Gesellschaft und Einzelwesen in der Erziehung
von Professor Dr. Gerhard Budde
Hie Sozialpädagogik vertritt den Standpunkt, daß hoch über dem, ^ Individuum die Allgemeinheit steht, daß die Individuen nicht !ihrer selbst wegen, sondern der Allgemeinheit wegen da sind und sie deshalb auch nicht einen Selbstzweck darstellen, sondern viel- l mehr nur ein Mittel für die Gesellschaft oder den Staat, und. daß dementsprechend auch die Jugenderziehung zu gestalten ist. Die Jndividual» Pädagogik wehrt sich dagegen, daß das Individuum einfach zu einem Mittel oder Werkzeug für die Zwecke der Gesellschaft gemacht wird und macht dieser gegenüber eine Selbständigkeit des Individuums geltend. Es tritt uns auf diesem Gebiet der Pädagogik bis auf den heutigen Tag ein Gegensatz der Anschauungen entgegen, der auf dem allgemein geistigen Gebiet als Kampf zwischen einer Sozialkultur und einer Jndividualkultur durch die Jahrtausende geht.
Die Pädagogik der Naturvölker und die des Orients war durchaus sozial. Aber schon in der griechisch-römischen Kulturwelt stellt sich neben die Sozialpädagogik Platos die Jndividualpädagogik der Sophisten. Auf die Sozialpädagogik des Mittelalters, in dem nur an die Stelle des Staates die Kirche getreten war, folgte die Jndividualpädagogik der Renaissance. Neben den sozialpädagogischen Theorien des französischen Reoolutionszeitalters steht die noch bis heute fortwirkende Jndividualpädagogik Nousseaus. Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts finden wir nebeneinander und zu höchsten Zwecken zusammenwirkend die soziale Auffassung Pestalozzis, der allerdings zugleich auch herrliche Worte für die Rechte des Individuums hat, und den durchaus individualistischen Aristokratismus Wilhelm von Humboldts. Und in unserer Zeit ringen noch bis heute die aus Comtes Soziologie geborene Sozialkultur und moderne Sozialpädagogik und die auf Nietzsche zurückgehende Jndividualkultur und moderne Jndividualpädagogik um die Vorherrschaft. Welche von ihnen sollen wir nun anerkennen?
Sehen wir zunächst, was die Sozialkultur aus dem Menschen macht. Nach der Lehre Comtes ist der einzelne Mensch so sehr auf die anderen angewiesen, daß er ohne sie nicht zu existieren vermag. Alles menschliche Leben entwickelt sich nur im Zusammensein, nur innerhalb der Gesellschaft; nach ihrem