Mehmed Lmin als Volkserzieher
von Schnlrat Eberhard
em Begriff einer „Nationalliteratur" haben innerhalb der Türkei erst die jüngsten Ereignisse den Boden bereitet: der Übergang von der Despotie zu der verfassungsmäßigen Staatsform und die lehrreichen Erfahrungen des Balkan- und des Weltkrieges, die eine Reihe sittlicher Kräfte entbanden. Dieses späte Erwachen hängt nicht nur mit dem Einfluß des Persischen auf die Sprache und Literatur zusammen, das die türkische Geisteswelt Jahrhunderte hindurch in seine Fesseln geschlagen hatte und den natürlichen Blutkreislauf hemmte; es kommt auch nicht bloß auf Rechnung der französischen Romantik, die nach dem Krimkriege in dem vornehmen Konstantinopel den Ton angab und aufs neue dem Erwachen eines nationalen Bewußtseins und der Entwicklung eines bodenständigen Schrifttums in den Weg trat, vielmehr kommen die Äußerungen des politischen Regiments hinzu, das unter Abdul Hamid jahrzehntelang geblüht, nein gewuchert hat: die Willkürherrschast des Absolutismus, der launische Despotismus, die jede freiere Geistesregung unterdrückende Zensur und das verhängnisvolle Spitzelsystem. Der Begriff des Vaterlandes war den osmanischen Türken nicht nur wesensfremd, da Balkan und Anatolien keineswegs das Stammland der herrschenden Erobererrasse find, sondern er galt auch als anrüchig und politisch verdächtig. Was für Umtriebe mochten die Reformer unter dieser Firma verstecken! Den Großherrn mochten die duftenden Lieder preisen und seiner Dynastie den immergrünen Kranz reichen, des Islams Kraft und welterobernde Mission mochten sie besingen, aber das „Vaterland"? ... Es war ein Zeichen der Zeit, daß vor der Jahrhundertwende ein treuer Patriot wie Mehmed Tewfik sein nationales Empfinden in einem langen Frühlingsgedicht verstecken mußte; die Hamidische Zensur konnte das Bekenntnis echtesten Vaterlandsgefühls nicht vertragen:
Die Völker neiden uns das Vaterland, Denn seinesgleichen gibt es nicht auf Erden; ' Wir küssen freudig deine Mutterhand, Daß wir aufs neue deine Kinder werden. Dir liegt zu Füßen unser Hab und Gut, Dein sind wir, Vaterland, mit Gut und Blut,
und die Literatur litt unter solcher Engbrüstigkeit.