Angewandte Psychologie
von Dr. Vtto Llpmann
ur wenige Wissenschaften haben in neuerer Zeit eine so rapide Entwicklung erlebt wie die Psychologie. Im Jahre 1859 formulierte Fechner das erste auf exakter Beobachtung beruhende „psycho- phystsche" Gesetz, im Jahre 1872 rief Wundt das erste psychologische Laboratorium ins Leben, unter der humoristischen Warnung Fechners: Wenn man die Psychologie so im Großen betriebe, würde wohl bald das Gesamtgebiet erschöpft sein. Aber wie weit ist die Psychologie noch heute von diesem Mangel an ungelösten Problemen entfernt, obwohl dem Wundtschen Institut bald zahlreiche andere folgten, und obwohl die Psychologie besonders in Amerika mit noch viel größerem Nachdruck und Aufwand an Kräften und Geld betrieben wird, als sie in jenen grauen Zeiten svor vieruud- vierzig Jahren I) das Wundtsche Institut aufbringen konnte.
Die Psychologie ging von allgemeinen Problemen aus. Schon hier müssen wir ein anderes Wissensgebiet erwähnen und voller Dankbarkeit der Astronomie gedenken, die zwar nicht geradezu die Anregung für die Aufstellung desWeber- Fechnerschen Gesetzes gegeben hat, so doch seine erste empirische Bestätigung lieferte, eigentlich noch bevor es fcharf formuliert war: die Einteilung der Sterne in Größenklassen und das Verhalten dieser scheinbaren Helligkeitsstufen zu den photometrisch sich ergebenden ist noch heute das geeignetste Beispiel zur Veranschaulichung jenes Gesetzes, daß, um gleichgroße (additive) Zuwüchse an Empfindungsintensitäten zu erzielen, die Neizintensitäten um gleiche (multiplika- tioe) Vielsache vermehrt werden müssen.
Jahrelang beschäftigten Psychologie und Psychophysik sich mit der Durchführung dieses Gesetzes auf verschiedenen Sinnesgebieten, mit seiner näheren Bestimmung und der Festlegung- seiner Grenzen und mit anderen solchen allgemeinen Gesetzmäßigkeiten. Zu dem Gebiete der Psychophysik, das die für alle Menschen gültigen gesetzmäßigen Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung behandelt, trat bald auch das des Gedächtnisses, für das zuerst Ebbinghcms im Jahre 1885 experimentell gewonnene allgemeine Gesetzmäßigkeiten formulierte. Er stellte u. a. die Schnelligkeit des Lernens als eine Funktion der Länge des Lernstoffes, das Behalten als eine Funktion der Anzahl der auf die Einprägung verwendeten Wiederholungen dar.