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Der germanische Schönheitsbegriff
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Der germanische Schönheitsbegriff

von Dr. Richard Müller-Freienfels

in Krieg wie der, unter dessen Eindruck wir stehen, sollte unter allen Umständen den Wert mit sich bringen, daß man sich auf sich selber besinnt, daß man sich über die, im Gegensatz zu fremden Gewalten, besonders deutlich hervortretende eigene Wesenheit ins Klare kommt, und zwar nicht bloß auf militärischem, ebensogut auf jedem andern Gebiete. Derartiges äußert sich in zuweilen sonderbaren Formen in dem Kleinkrieg gegen die Fremdwörter. Aber ein solches Selbst­besinnen sollte tiefer greifen: es sollte hinter den Worten die Begriffe und Sachen treffen, unter deren Fremdjoch wir leiden.

Vielleicht am stärksten tritt das hervor ans künstlerischem Gebiete, wo unser Volk seit Jahrhunderten sich mit vollem Bewußtsein einem volksfremden Schönheitsbegriffe gebeugt hat und noch immer beugt, so sehr, daß es seine eigene erhabene Kunst gering geachtet, ja, sie zu einer Vorstufe jener^ fremden herab­gewürdigt hat. Dieser fremde Schönheitsbegriff, dem wir uns unterjocht haben, ist der klassische, d. h. der griechische mit seinen römischen, italienischen und französischen Ablegern. So sehr ist dieser fremde Schönheitsbegriff durchgedrungen, daß unsklassisch" schlechthinmustergültig" undmeisterhaft" bedeutet, daß dies Wort nicht eine Artbezeichnung allein, sondern die höchste Wertbezeichnung ausdrückt, derart, daß alles Nichtklassische daneben als minderwertig gilt. Wir wollen nicht bei der sonderbaren Begriffsverwirrung verweilen, daß in deutscheu Häusern Jean Paul, Fritz Reuter, Shakespeare inKlasstkerausgaben" stehen. Wir stellen auch nur im Vorübergehen fest, daß die größten Geister unseres Schrifttums, die Dichter von Weimar, sich als Epigonen des klassischen Alter» tums empfanden, weil sie sich hier und da in klassische Kostüme steckten. Vom nationalen Standpunkt jedenfalls ist es bitter zu beklagen, daß wir nicht dcn Mut zu unserer eigenen Schönheit, zu unserer eigenen ästhetischen Wertung hatten und haben, so daß wir an unserem eigenen Geschmack ganz offen zweifeln, bloß darum, weil er nicht der Geschmack von Athen oder Paris, sondern unserer eigener ist, auf den sich eben jener fremde nur ungenügend und äußerlich aufpfropfen läßt, sodaß groteske Zwitterbildungen erscheinen.

Und doch haben wir einen eigenen Schönheitsbegriff, einen eigenen Stil, eine bodenständige Art, wie nur je ein Volk sie gehabt hat, eine Art, die sich in übertausendjährigem tragischem Kampf gegen übermächtige Fremdherrschast