Zur ruthenischen Frage
von Professor Dr. Raimund Lriedr. Aaindl
er Herausgeber dieser Zeitschrift hat im fünfundvierzigsten Hefte des Jahrgangs 1914 in trefflicher Weise das Problem der Befreiung der Ukraina von der russischen Herrschaft besprochen. Die folgenden Blätter bringen einige weitere Beiträge zur Kenntnis der Ruthenen und der ruthenischen Frage. Vorangeht eine kurze Darstellung der Geschichte der Ruthenen - Ukrainer. Daran schließen sich Bemerkungen zum ukrainischen Problem, und zwar über die Errichtung einer autonomen ruthenischen Provinz in Osterreich. Endlich folgt eine Darlegung der Namengebung der Ruthenen, da darüber große Unklarheit herrscht.
Die Slawen, die sich über das heutige Rußland ausgebreitet hatten, waren in den ersten Jahrhunderten n. Chr. in zahlreiche Stämme zerfallen und vermochten ebensowenig wie die Finnen aus sich selbst einen Staat zu gründen. Das gelang erst den normannischen Wickinger-Warägern, die ebenso wie sie ganz West- und Südeuropa raubend, aber auch staatengründend heimsuchten, auch Ofteuropa auf dem Austrvegr (Düna-Dniepr) bis nach Konstantinopel durchzogen. Es ist unzweifelhaft, daß die ersten Staatgründungen der Wickinger im nördlichen Rußland unter Finnen und Slawen stattfanden. Eine ihrer ältesten Städte war dort Holmgadr oder Nowgorod. Doch wie alle Nordmänner drängten sie gegen Süden, um dem Meere und dem lockenden Buzanz, das sie Mikligardr (die große Stadt) nannten, näher zu sein. So entstand jedenfalls schon um 850 der Wickingerftaat in Kaenugardr (Kijew). Wegen ihrer günstigen Lage wurde diese Stadt unter Oleg (nordisch Helgi) Mittelpunkt des Reiches, das von der für die Waräger im Osten üblich gewordenen Bezeichnung „Ros" seinen Namen erhielt. Der Name ging dann auf alle Slawen Osteuropas über. Doch sind die Russen des alten Kijewer Reiches nicht wesensgleich mit den heutigen Großrussen; sie sind von ihnen vielmehr in Sprache und ethnographischen Eigenschaften verschieden. Auf die Moskowiter haben vor allem, wie noch weiter unten gezeigt werden soll, mongolische Einflüsse stärker eingewirkt.
Der Kijewer Staat entwickelte sich, solange der germanische Einfluß anhielt, sehr glücklich. Schon Oleg beherrschte einen großen Teil des heutigen Rußland, besiegte im Südosten die Tataren, zwang im Westen die Chorwaten (die Väter der Kleinpolen) in Galizien zur Heerfolge und wurde Konstantinopel gefährlich.