Bismarckgeist
von Dr. Karl Buchheim
Imperium iacile eis artibus retinetur, quidus initio p^rtum est.
Sallust, Bell. Cat. 2
s ist ein alter Streit, ob Politik eine Aufgabe sei, moralische Versuche zu veranstalten und sür gut erkannte Theorien in Wirklichkeit umzusetzen, oder aber eine Kunst, Macht zu erwerben und in der menschlichen Gesellschaft einen bestimmten Willen zur Geltung zu bringen. Die Entscheidung darüber läßt sich keines
wegs mit wenigen Worten treffen, namentlich weil es ja möglich ist, den Machterwerb und die Machtbetätigung als Mittel zur Erfüllung sittlicher Aufgaben zu betrachten. Jedenfalls scheint es, daß beide, Machttrieb und ethische Erkenntnis, nebeneinander und wohl auch oft gegeneinander und vielfach verschlungen den politischen Willen bestimmen und demnach als seelische Grundlagen vorhandener politischer Gebilde in Betracht kommen. Wollte man nun bei einem bestimmten solcher Gebilde die Willensvoraussetzungen seiner Existenz einmal erforschen, so wird die Aufgabe meist nicht leicht sein, zumal wenn die Grundlagen eines Staates schon in alter Zeit geschaffen worden sind. Denn die seelischen Zustände einer weitabliegenden Zeit sind ein Forschungsgebiet, das der historischen Wissenschaft schwer zugänglich ist. Die „Deutsche Geschichte" von Lamprecht enthält vorzüglich Versuche, von dem Seelenleben auch der älteren deutschen Vergangenheit Begriffe zu bilden, und wo das etwa nicht geglückt sein sollte, wenigstens die Aufgabe und ihre Schwierigkeit ins rechte Licht zu stellen. Im Hinblick auf unsern gegenwärtigen Staat, das neue Deutsche Reich, verspricht ein Versuch, eine solche Aufgabe zu lösen, verhältnismäßig guten Erfolg. Denn das Reich ist in einer Zeit entstanden, die nicht weitab von der unseren liegt, aus der viele unmittelbare Quellen erhalten sind; und es ist nicht aus halb- oder unbewußten Trieben erwachsen, sondern von Grenzboten III 191« 19