Das Werden des Orients
von Dr. Leon Snleiman
eit längerer Zeit beschäftigt die Frage: Wird der Orientale „Europäer" werden? manchen führenden Kopf im Orient. Angesichts der Isolierung der islamischen Türkei dem christlichen Europa gegenüber während der vergangenen Jahrhunderte und der vielen Kriege, die auf türkischem Boden ausgetragen wurden, deren Endergebnis eine unaufhaltsame Verdrängung der Türkei vom europäischen Kontinent war, mußte jene Frage in den Vordergrund treten. Man empfand Europa in weiten Kreifen der Türkei als eine von Zivilisation, Kultur, Kunst und Wissenschaft durchtränkte Einheit dem verlotterten Wirtschafts- und Staatsleben der alten Türkei gegenüber, und um den anderen Nationen politisch gleichberechtigt zur Seite treten zu können, sah man das Heil in einer möglichst weitgehenden wirtschaftlichen und kulturellen Annäherung an Europa, ja in einer Verschmelzung mit den Völkern, die man „die europäische Kulturgemeinschaft" zu nennen pflegte. Diese Ansicht, die noch jetzt einen großen Teil der führenden Männer beherrscht, schien früher noch dadurch gerechtfertigt zu werden, daß der Beginn eines jeden Krieges gegen die Türkei mit wirtschaftlichen und kulturell-sozialen Mängeln begründet wurde, deren Abhilfe die anderen Mächte von der Türkei kategorisch forderten. Diesen Anlaß zu allen Kriegen schien man nun durch Europäisierung des Volkes beseitigen zu können, um dann einer friedlichen Entwicklung entgegen zu gehen. Man vergaß aber, daß diese von den Mächten verlangten wirtschaftlichen und sozialen Reformen nur den Anlaß zu den Amputationen gaben, die Europa während des neunzehnten Jahrhunderts so sehr in Anspruch genommen haben. Hinter jenen Anlässen steckten Ursachen ganz anderer Art: Wünsche, deren Erfüllung man nicht auf dem Wege der „Europäisierung" erreichen konnte. Der Seeweg über Konstantinopel und der Landweg über Bagdad waren für Nutzland und England gewiß weit stärkere Bedürfnisse als jene stets an die Spitze der Politik gestellten Reformbestrebungen. —
Es ist kein Zweifel, daß die Teilnahme an der europäischen Kultur eine der Vorbedingungen für eine zukünftige kraftvolle wirtschaftliche und politische Entfaltung des Osmanenreiches ist. Es gibt jetzt keinen vernünftigen Menschen an leitender Stelle in der Türkei, der nicht von dieser Binsenwahrheit wirklich überzeugt ist. Die sogenannte „nationale Partei" warnt aber davor, so in den Apfel der Weisheit zu beißen, daß der sichere Tod die Folge wäre.