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Mitteleuropäische Aulturgedanken
von Professor Dr. Wilhelm Martin Becker
s ist ein Zeichen von Gesundheit und Jugend in unserem Volke, daß der Krieg nicht nur als der Zerstörer gewertet wird, sondern als der Befreier niedergehaltener Entwicklungstriebe, und daß daher jedermann überzeugt ist, nach dem Kriege werde das alte Deutschland durch ein neues ersetzt sein. Diese Auffassung zeugt von Lebenskraft und Lebensbejahung. Ausgelebte Völker wollen nur das Ihre er» halten im Krieg. Junge Völker wissen von ihrem Wachstum. Der Frieden ist da oft wie ein Winterschlaf, der Krieg wie ein Frühlingssturm. Die Ernte reist nach dem Kriege nicht sofort; aber ohne die im Frühling geweckten Keime keine Ernte.
Man könnte dagegen einwenden, das starke Hervortreten der Reflexion über den Krieg und seine Folgen sei im Gegenteil ein Zeichen der Altersschwäche. Nie sei über Kriege in Deutschland soviel philosophiert worden als jetzt. Aber nie hat auch ein Krieg so an den Lebensnerv des ganzen Volkes gegriffen, nie das feiner Einheit und Zusammengehörigkeit bewußte Volk vor ein so absolut Neues gestellt wie dieser. Noch der letzte Krieg — wie deutlich enthielt er in sich das Ziel, und seine Erfüllung war seit Jahren vorauszusehen gewesen. Heute ist die Verarbeitung des Geschehenen und die Herausstellung des Neuen und Werdenden auf allen Gebieten schwerer, und wenn man auf den Berg von Kriegsfchriften blickt, fo glaubt man das Ringen der Volksseele zu verspüren, die sich abmüht mit der Frage, was ihr denn geschehen sei und was nun werden solle. Und während auf die Frage der Oberfläche, die Frage nach den Friedensbedingungen für die Feinde, die Regierung noch festen Verschluß gelegt hat, wühlt in vielen um so stürmischer die Frage der Tiefe, unter welchen Bedingungen denn wir in die künftige Friedenszeit eintreten werden, staatlich, sozial, wirtschaftlich, — geistig, religiös, kulturell? Wie ein Orgelpunkt begleitet diese innere Verarbeitung die lärmende Melodie des Krieges. Grenzboten III 191S 7