Gustav Freytag bei den Grenzboten
Zu seinem hundertsten Geburtstag am 15. Juli M6 von Gswald Dammann
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ir wollen, dem Leibe nach, Bürger unserer Zeit sein und bleiben, weil es nicht anders sein kann; sonst aber und dem Geiste nach ist es das Vorrecht und die Pflicht des Philosophen wie des Dichters, zu keinem Volke und zu keiner Zeit zu gehören, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes der Zeitgenosse aller Zeiten zu sein." So durste noch Schiller schreiben. Ein halbes Jahrhundert später sehen wir einen anderen Dichter. Gustav Freytag, mit den Füßen noch ganz in der Zeit Goethes stehend, zur Feder des Publizisten greifen, weil das Höchste, was er hat, der Staat seiner Väter, zusammenzubrechen droht. Und noch ein anderer Vergleich drängt sich auf. Dankbaren Herzens nahmen Schiller und Goethe aus Karl Augusts Hand den Adelsbrief, der sie erst ganz in den Nang der Vollfreien Deutschlands erhob. Wieder war es Gustav Freytag. der voll stolzen Selbstgefühls alle Adelsangebote von sich wies und sich im Bewußtsein, „im Reiche der Geister gefürstet zu sein", und mit dem Gefühl selbsterworbenen Wertes als Gleichberechtigter neben einen deutschen Fürsten stellte. Damit sind jene beiden Epochen charakterisiert, die sich in rascher Folge und im schroffen Widerspruch gegeneinander ablösten, auf der einen Seite der Kosmopolitismus des Humanitätszeitalters mit seiner vorzugsweise aristokratischen Bildung, sowie die weltflüchtig romantisierenden Tendenzen der Epoche Friedrich Wilhelms des Vierten, andererseits die neue nationale Wirklichkeit, überwiegend bürgerlich demokratisch gestimmt.
Der Träger dieser neuen Zeit, die in imposanter Kraftentwicklung rund die Jahre von 1830 bis 1870 umspannt, war das liberale Bürgertum, einer seiner namhaftesten Vertreter Gustav Freytag. Wenigen geschichtlichen Persönlichkeiten ist es gelungen, sich so wie er mit ihrer Zeit zu identifizieren und in Grenzboten III 191« 3