Kriegerisches prophetentum
von Dr, «Lmil Lohn-Bonn
enn hier über kriegerisches Prophetentum gesprochen werden soll, so kann in dem engen Raume eines Aufsatzes nicht die Rede davon sein, daß das ganze oft behandelte Problem des altisraelitischen Prophetentums aufgerollt wird. Jeder kennt aus seiner Schulzeit zur Genüge jene seltsamen überlebensgroßen Erscheinungen des biblischen Altertums mit ihren dunklen Orakeln und hellen Gesichten, ihrer leidenschaftlichen Rede und der Gewalt ihres sittlichen Schwungs. Vielmehr folgen wir den: Zwange der Stunde, die von Krieg und Heldentum zu uns redet, und wenden uns allein jenen gewaltigen Kriegsrufen zu, die diese „Sturmvögel der Weltgeschichte" ausgestoßen haben. Es handelt sich um die Vermittelung einer Kriegspoesie und zwar einer der ältesten, die es gibt. Zweieinhalb Jahrtausend ist sie alt, wir wollen das Tal des Weltgeschehens überbrückend den Urstimmen lauschen, die aus dem Einst zu uns herüberklingen.
Wollen wir jene prophetischen Reden verstehen, so müssen wir uns zunächst den Schauplatz, die Zeit und die Folge der kriegerischen Geschehnisse vergegenwärtigen, aus denen heraus die Rede erscholl.
Es ist das ganze, große Vorderasien vom Euphrat und Tigris bis zum Nil, vom „großen Meer im Westen", dem Mittelländischen, bis zum Persischen Golf, in dem sich jene Kriege abspielten, ein Gebiet fast doppelt so groß wie unser Vaterland, aber in seinen Maßen schier unübersehbar, wenn man bedenkt, daß es damals keine Eisenbahnen gab. und seine Teile noch dazu durch unwegsame Wüsten getrennt waren. Da schob sich die große syrische Einöde zwischen Aram Naharaim und Aram Damesek, zwischen Babylon und Ninive einerseits und das damaszenische Syrien andererseits. Auch das große Südreich Ägypten war von seinen Einfallstoren, den Ländern Israel und Juda, durch eine Wüste getrennt. Israel und Juda selbst waren von einer Reihe kleinerer Völker umschlossen, die die Ränder der umgebenden Steppe oder die Gestade des Meeres bewohnten: Edom, Moab, Ammon. Philistäa, Kedar und im Norden Phönizien, das England des Altertums, mit seinen Stapelplätzen Tyrus und Sidon.
In diesem Gebiete spielten sich nun vom achten bis sechsten Jahrhundert v. Chr. jene kriegerischen Ereignisse ab. aus denen die Prophetenrede